Українська та зарубіжна поезія

Вірші на українській мові



Der Trompeter von Sakkingen 2. Stuck

Traulich in der warmen Stube
Saben bei der Abendmahlzeit
Der Trompeter und der Pfarrherr;
Auf der Schussel hatte dampfend
Ein gebraten Huhn gepranget,
Doch getilgt war’s und entschwunden;
Nur ein wurz’ger Bratenduft noch
Schwebte lieblich durch die Stube,
Gleich dem Liede, drin der tote
Sanger bei der Nachwelt fortlebt.
Auch die leeren Teller zeigten,
Dab ein ganz gesunder Hunger
Kurzlich hier beschwichtigt ward.

Groben Steinkrug jetzt erhub der
Pfarrherr, und er fullt die Glaser
Und begann zum Gast zu sprechen:
“Nach vollbrachtem Mahle ziemt sich’s,
Dab der Wirt den Gastfreund frage:
Wer er sei? woher der Manner?
Wo die Heimat und die Eltern?
Im Homerus las ich, dab der
Konig der Phaaken selber
So den edlen Dulder fragte;
Und ich hoff’, dab Ihr nicht minder
Schone Fata mir erzahlet
Als Odysseus, drum behaglich
Setzt Euch auf die Bank des warmen
Kachelofens, dieser ist ein
Brutnest trefflicher Gedanken,
Ist auch nach Schwarzwalder Brauch der
Ehrensitz fur den Erzahler,
Und ich hor’ Euch zu mit Spannung.
An den Sturmen wilder Jugend
Freut sich das gesetzte Alter.”

Sprach der Jungling: “Leider bin ich
Kein geprufter Dulder, hab’ auch
Weder Ilium verwustet,
Noch den Polyphem geblendet,
Und noch wen’ger hab’ ich eine
Konigstochter je getroffen,
Die bei Anlab grober Wasche
Huldvoll meiner sich erbarmt hatt’.
Gern doch folg’ ich Eurer Mahnung.”
Auf des ries’gen Ofens Banklein
Setzt’ er sich, es war belegt mit
Platten von glasiertem Tone,
Ihm entstrahlt anmut’ge Warme.
Und der Pfarrherr winkt ihm, dab er
Sonder Scheu die Fube strecke.
Dies zwar tat er nicht, doch schlurft’ er
Einen Schluck des roten Weines
Und begann drauf zu erzahlen:

“Der hier sitzt, heibt Werner Kirchhof,
In der Pfalz ist meine Heimat,
In der Pfalz, zu Heidelberg.

›Alt Heidelberg, du feine,
Du Stadt an Ehren reich,
Am Neckar und am Rheine
Kein’ andre kommt dir gleich.

Stadt frohlicher Gesellen,
An Weisheit schwer und Wein,
Klar ziehn des Stromes Wellen,
Blauauglein blitzen drein.

Und kommt aus lindem Suden
Der Fruhling ubers Land,
So webt er dir aus Bluten
Ein schimmernd Brautgewand.

Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut,
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.

Und stechen mich die Dornen,
Und wird mir’s draub zu kahl,
Geb’ ich dem Rob die Spornen
Und reit’ ins Neckartal.‹

Dort am Neckar hab’ den suben
Traum der Kindheit ich getraumt,
Bin auch in der Schul’ gesessen,
Hab’ Latein gelernt und Griechisch,
Und ein immerdurst’ger Spielmann
Lehrt’ mich fruh Trompete blasen.
Wie ich achtzehn Jahr geworden,
Sprach der Vormund: ›Junger Werner,
Seid begabt mit hellem Kopf und
Leidlichem Ingenium,
Seid vom rechten Holz geschnitten,
Ihr mubt ein Juriste werden,
Das bringt Ehr’ und Amt und Wurden,
Bringt auch guldene Dukaten,
Und mir ist, ich seh’ Euch schon als
Seiner Kurfurstlichen Gnaden
Wohlbestallten Amtmann, und ich
Zieh dann selbst vor Euch den Hut ab.
Ja, schier wag’ ich die Vermutung,
So Ihr Euch nur wacker haltet,
Wartet Eurer noch ein Stuhl im
Hohen Reichsgericht zu Wetzlar.‹
Also ward ich ein Juriste,
Kaufte mir ein grobes Tintfab,
Kauft’ mir eine Ledermappe
Und ein schweres Corpus Juris
Und sab eifrig in dem Horsaal,
Wo mit mumiengelbem Antlitz
Samuel Brunnquell, der Professor,
Uns das romische Recht doziert’.
Romisch Recht, gedenk’ ich deiner,
Liegt’s wie Alpdruck auf dem Herzen,
Liegt’s wie Muhlstein mir im Magen,
Ist der Kopf wie brettvernagelt!
Ein Geflunker mubt’ ich horen,
Wie sie einst auf rom’schem Forum
Klaffend miteinander zankten,
Wie Herr Gajus dies behauptet
Und Herr Ulpianus jenes,
Wie dann Spatre drein gepfuschet,
Bis der Kaiser Justinianus,
Er, der Pfuscher allergrobter,
All’ mit einem Fubtritt heimschickt.
Und ich wollt’ oft toricht fragen:
›Sind verdammt wir immerdar, den
Groben Knochen zu benagen,
Den als Abfall ihres Mahles
Uns die Romer hingeworfen?
Soll nicht auch der deutschen Erde
Eignen Rechtes Blum’ entsprossen,
Waldesduftig, schlicht, kein uppig
Wuchernd Schlinggewachs des Sudens?
Traurig Los der Epigonen!
Mussen sitzen, mussen schwitzen,
Hin und her die Faden zerren
Eines wustverschlungnen Knauels,
Gibt’s kein Schwert und andre Losung? -‹

Oftmals nachtig bei der Lampe
Sab ich brutend ob dem Kodex,
Las die Gloss’ und den Cujacius,
Bis mich Kopf und Haupthaar schmerzten.
Doch der Fleib blieb ohne Segen.
Lustig flogen die Gedanken
Von den Lettern in die Weite
Zu des strengen Herrn Cujacius
Schoner Tochter, die dereinstmals
Glucklicher Pariser Jugend
Vom Katheder ihres Vaters
Hefte sub melodisch vortrug.
Statt Usucapion und Erbrecht,
Statt Novella hundertachtzehn
Schaut ein schwarzgelocktes Magdlein
Grubend aus dem Corpus Juris.
Aus der Hand entfiel die Feder,
Umgestulpt ward Tint’ und Sandfab,
Und ich griff nach der Trompete;
Usucapion und Erbrecht
Und Novella hundertachtzehn,
Klagend im Adagio zogen
Sie hinaus aus der Studierstub’
Fenster in die die Sternennacht.

Ja, der Fleib blieb ohne Segen.
Eines schonen Morgens schritt ich,
Unterm Arm das Corpus Juris,
(‘s war die schone Elzevirsche
Rotterdamer Prachtausgabe)
Nach der Heugass’, nach dem Pfandhaus.
Levi Ben Machol, der schnode
Jude mit den scheelen Augen
Nahm’s in seine Vaterarme, –
Nahm’s und zahlte zwei Dublonen:
Mog’s von ihm ein andrer losen!

Bin ein kecker Bursch dann worden,
Streifte viel durch Berg und Taler,
Streifte nachtlich durch die Straben
Sporenklirrend, serenadend,
Und so einer schief wollt’ blicken,
Fuhr die Hand mir an die Wehre:
›Zur Mensur! Die Klingen bindet!
Los! -‹ Das schwirrte durch die Lufte,
Und auf manche glatte Wange
Hat mein Schlager flott und schneidig
Sich ein Stammbuchblatt geschrieben.

Hab’ mich auch, ich mub gestehen,
Nicht stets in sehr feingewahlter
Companey herumgetrieben,
Und am liebsten sab ich trinkend
Oben im Pfalzgrafenschlosse
Bei dem Wunder unsrer Tage,
Bei dem Kunstwerk deutschen Denkens,
Bei dem Heidelberger Fab.
Ein ehrwurd’ger Siedler hauste
Dort, es war des Kurfursts Hofnarr,
War mein alter Freund Perkêo.
Der hatt’ aus des Lebens Sturmen
Zu kontemplativer Trinkung
Sich hieher zuruckgezogen,
Und der Keller war Asyl ihm.
Lebte drin in sinn’ger Pflege
Seiner und des groben Fasses,
Und er liebt’ es – treure Liebe
Nimmer hat die Welt gesehen, –
‘s war, als sei er ihm vermahlet.
Blank fegt er’s mit grobem Besen,
Fort jagt er die bosen Spinnen,
Stund ein Festtag im Kalender,
Schmuckt’ er’s zart mit Efeukranzen,
Und er sang den Morgengrub und
Sang das Schlummerlied dem Fasse,
Schnitzte auch sein eigen Standbild
Treu in Holz als Angebind’ ihm.
Aber wenn vom Fassesmunde
Er den Lohn sich kussend schlurfte,
Dann erging er sich in kuhnem
Schwunge; – oft zu seinen Fuben
Lauscht’ und den seltsamen Reden:
›Oben heibt’s: ich sei ein Narre,
Lab sie’s schwatzen, lieber Junge,
Nimmer kummert das Geschwatz mich.
O, die Welt ist dumm geworden!
Wie sie tappen, wie sie haschen
Nach der Wahrheit, – und es fahrt doch
Immer ihre Stang’ im Nebel.
Auf die Grunde aller Dinge
Mub der Mensch zuruckgehn und er
Mub der Forschung Endergebnis
In konkrete Formen bringen.
So gewinnt er Weltanschauung;
Solchen Zweck erstrebend trink’ ich.
Kosmogonisch ist mein Trinken:
Seh’ den Weltenraum als eine
Luftig grobe Kellerwolbung,
Drin als Ur – und als Zentralfab
Ist die Sonne aufgepflanzet
Und in Reih’ und Glied die kleinern
Fasser – Fixstern’ und Planeten.
Wie die Fasser mannigfache
Sort’ und Qualitat des Weines,
Bergen die Weltkorper einen
Vielgestuften Geisterinhalt:
Landwein der, – der Rudesheimer;
Doch das Erdfab birgt Gemischtes:
Garende Zersetzung hat den
Geist getrubt halb, halb verfluchtigt.
Der Materie und des Geistes
Gegensatz wird durch das Denken
Zu organisch hoh’rer Einheit.
Also uber Wein und Fasse
Schwebt mein schopferisches Trinken,
Und wenn durch den Schadel mir des
Weins Revelationen brausen,
Wenn mein morscher Leichnam taumelnd
An dem Fasse niedersinkt:
Das ist der Triumph des Geistes,
Ist die Tat der Selbstbefreiung
Aus des Daseins nicht’gen Schranken.
So erschliebt in meiner Klause
Klar sich mir die Weltenordnung.
Anders stund’ es um die Menschheit,
Hatten die Germanen ihren
Innersten Beruf erkannt und
Das Panier des stillen Trunkes,
Den bewubten Kult des Weines –
Wie den Feuerdienst der Perser –
Durch die ganze Welt getragen!‹
O Perkêo! besser stund’ es
Auch mit mir, wenn deiner Weisheit
Niemals ich mein Ohr geliehen!
‘s war ein scharfer Wintermorgen.
Drunten in dem lauen Keller
Hielt der Zwerg und ich, selbander,
Einen philosoph’schen Fruhtrunk.
Aber wie im Mittagsscheine
Ich heraustrat, schien die Welt mir
Etwas seltsam anzuschauen.
Rosig schimmerten die Lufte,
Engel hort’ ich musizieren.
Auf dem hohen Schlobbalkone
Stand im Kreise edler Fraulein
Huldvoll die Gebieterin,
Die Kurfurstin Leonore.
Dorthin flog mein keckes Auge,
Dorthin flog mein keckes Sinnen,
Weggeweht war der Verstand mir.
Schmachtend trat ich zur Terrasse
Und begann die tolle Weise,
Die der Pfalzgraf Friedrich einstmals
Der englandischen Gemahlin
Liebeskrank gesungen hat:

›Ich kniee vor Euch als getreuer Vasall,
Pfalzgrafin, schonste der Frauen!
Befehlet, so streit’ ich mit Kaiser und Reich,
Befehlet, so will ich fur Euch, fur Euch
Die Welt in Fetzen zerhauen.

Ich hol’ Euch vom Himmel die Sonn’ und den Mond,
Pfalzgrafin, schonste der Frauen!
Ich hol’ Euch die Sterne sonder Zahl,
Wie Froschlein sollt Ihr die funkelnden all
Gespiebt am Degen erschauen.

Befehlet, so werd’ ich fur Euch zum Narr,
Pfalzgrafin, schonste der Frauen!
Ja, Narre bin ich schon sonder Befehl,
Das Sonn’licht blendet mich allzu hell
Von Euren zwo Augen, den blauen.‹

Hort ihr die Trompeten blasen?
Hort ihr die Kartaunen krachen?
Dort bei Prag am Weibenberge
Wird um Bohmens Kron’ gewurfelt,
Pfalzgraf – ‘s war ein kurzer Winter,
Pfalzgraf – hast die Schlacht verloren!
Sporn den Gaul und such das Weite!
O du schonste aller Frauen,
Wie mubt’ ich vom Traum erwachen!
Der Pedell kam angeschritten
Und zitiert mich vor den Rektor.
Grimmig faltete die Stirne,
Grimmig schuttelte die Locken,
Grimmig kundete das Urteil
Der Rektor Magnificus:

›Habt ob unbefugtem Blasen
Und noch unbefugterm Singsang
In der Burg geweihtem Frieden
Stadt und Hochschul’ in drei Tagen
Zu verlassen; weitre Strafe
Ist Euch auf besondre Fursprach’
Der Frau Furstin nachgesehen.‹

Stadt verlassen? wie ein Traum klang’s
Und war tatsachliche Wahrheit.
Doch bezahlt’ ich, was in solchen
Fallen etwas ungewohnlich,
Vorher noch die Schulden alle,
Und ich ritt am dritten Tage
Aus dem Weichbild und am vierten
Aus den kurpfalzischen Landen.
Ungekrankt, ob auch die Heimat
Mir den Riegel vorgeschoben,
Will sie drum nicht minder lieben;
Die Trompet’, des Unheils Werkzeug,
Hangt’ ich frohlich um die Schulter,
Und mir ahnt, sie soll auch wieder
Mir zum Segen frohlich schmettern.
Weib zwar nicht zur Stund’, nach welchem
Ziel mich Rob und Sturm noch tragen,
Doch ich schaue nicht zuruck.
Frisches Herz und frisches Wagen
Kennt kein Grubeln, kennt kein Zagen,
Und dem Mut’gen hilft das Gluck.
Also kam ich in den Schwarzwald.
Doch so Euch, mein edler Hauswirt,
Ob der langen Red’ nicht etwa
Jaher Schlaf hat angewandelt
Und Ihr mir mit gutem Rate
Beisteht, bin ich Euch verbunden.”

Lachelnd stieb der alte Pfarrherr
Mit ihm an und lachelnd sprach er:
“‘s ist noch gnadig abgegangen,
Und ich weib ein ander Lied von
Einem jung jung Zimmergesellen,
Einer schonen Frau Markgrafin
Und von einem hohen Galgen.
Fast scheint guter Rat hier teuer,
Und in meiner Kasuistik
Steht der Fall nicht aufgezeichnet,
Was dem Manne sei zu raten,
Der Pfalzgrafinnen ansinget,
Rechtsweisheit ins Leihhaus bringet
Und mit der Trompete kecklich
Sich die Zukunft will erblasen.
Doch wenn Menschenfurwitz stillsteht,
Helfen gnadig die im Himmel.
Drunten in der reichen Waldstadt,
In Sakkingen, ist ein guter
Schutzpatron fur junge Leute,
Ist der heil’ge Fridolinus.
Morgen ist des Heil’gen Festtag.
Der hat keinen noch verlassen,
Der um Hilf’ ihn bittend anging:
Wendet Euch an Fridolinum!”


Der Trompeter von Sakkingen 2. Stuck - JOSEPH VICTOR VON SCHEFFEL