Українська та зарубіжна поезія

Вірші на українській мові



Der alte Sanger

Sang der sonderbare Greise
Auf den Markten, Straben, Gassen
Gellend, zurnend seine Weise:
“Bin, der in die Wuste schreit.
Langsam, langsam und gelassen!
Nichts unzeitig! nichts gewaltsam!
Unablassig, unaufhaltsam,
Allgewaltig naht die Zeit.

Torenwerk, ihr wilden Knaben,
An dem Baum der Zeit zu rutteln,
Seine Last ihm abzustreifen,
Wann er erst mit Bluten prangt!
Labt ihn seine Fruchte reifen
Und den Wind die Äste schutteln!
Selber bringt er euch die Gaben,
Die ihr ungestum verlangt.”

Und die aufgeregte Menge
Zischt und schmaht den alten Sanger:
“Lohnt ihm seine Schmachgesange!
Tragt ihm seine Lieder nach!
Dulden wir den Knecht noch langer?
Werfet, werfet ihn mit Steinen!
Ausgestoben von den Reinen,
Treff ihn allerorten Schmach!”

Sang der sonderbare Greise
In den koniglichen Hallen
Gellend, zurnend seine Weise:
“Bin, der in die Wuste schreit.
Vorwarts! vorwarts! nimmer lassig!
Nimmer zaghaft! kuhn vor allen!
Unaufhaltsam, unablassig,
Allgewaltig drangt die Zeit.

Mit dem Strom und vor dem Winde!
Mache dir, dich stark zu zeigen,
Strom – und Windeskraft zu eigen!
Wider beide gahnt dein Grab.
Steure kuhn in grader Richtung!
Klippen dort? die Furt nur finde!
Umzulenken heischt Vernichtung,
Treibst als Wrack du doch hinab.”

Einen sah man da erschrocken
Bald erroten, bald erblassen:
“Wer hat ihn hereingelassen,
Dessen Stimme zu uns drang?
Wahnsinn spricht aus diesem Alten;
Soll er uns das Volk verlocken?
Sorgt, den Toren festzuhalten,
Labt verstummen den Gesang!”

Sang der sonderbare Greise
Immer noch im finstern Turme
Ruhig, heiter seine Weise:
“Bin, der in die Wuste schreit.
Schreien mubt ich es dem Sturme;
Der Propheten Lohn erhalt ich!
Unablassig, allgewaltig,
Unaufhaltsam naht die Zeit.”


Der alte Sanger - ADELBERT VON CHAMISSO