Українська та зарубіжна поезія

Вірші на українській мові



Abba Glosk Leczeka



Es schallen gut im Liede der Purpur und das Schwert,
Doch hullt sich oft in Lumpen, der auch ist preisenswert;
Ich fuhr’ euch einen Juden und Bettler heute vor,
Den Abba Glosk Leczeka, verschliebt ihm nicht das Ohr.

Er harrte vor der Thure von Moses Mendelssohn
Gelassen und geduldig vor Sonnenaufgang schon;
Wie hoch in Himmelsraumen zu steigen sie begann,
Trat erst aus seiner Wohnung der weitberuhmte Mann.

Ihn grubt der fremde Bettler in polnisch jud’scher Tracht,
Sein Grub den Schriftgelehrten dem andern kenntlich macht,
Er aber geht voruber: an Zeit es mir gebricht. –
Der Fremde weicht zurucke, doch von der Schwelle nicht.

Und Mittag ward’s und Abend, und als zur Nacht es ging,
Die Stadt in ihren Straben die Schatten schon empfing,
Kam heim zu seinem Herde der weitberuhmte Mann,
Da grubt’ ihn noch der Bettler, wie morgens er gethan.

Er sucht in seiner Borse nach einem Silberstuck,
Ihm halt der fremde Bettler die milde Hand zuruck:
Das nicht von dir begehr’ ich, nur dein lebend’ges Wort,
Mich fuhrt der Durst nach Wahrheit allein an diesen Ort. –

Du scheinst der kleinen Gabe bedurftig mir zu sein. –
Du haltst mich fur unwurdig der grobern. – Tritt herein.
Suchst redlich du die Wahrheit, die vielen so verhabt,
So sei dem Gleichgesinnten ein liebgehegter Gast.

Beim wogenden Gesprache, beim hauslich trauten Mahl,
Beim Becher edlen Weines, dem fluss’gen Sonnenstrahl,
Erbluht dem fremden Bettler die Rede wunderbar,
Ein Glaub’ger und ein Denker, wie nie noch einer war.

Er hat des Wortes Fessel gesprengt mit Geisteskraft,
Er hangt am Guten, Wahren so recht mit Leidenschaft,
Er spruhet Lichtgedanken so machtvoll vor sich hin,
So eig’nen Reiz verleiht ihm sein heitrer, froher Sinn.

Und ob des seltnen Mannen verwundert und erfreut,
Der seine Neigung fesselt und Ehrfurcht ihm gebeut,
Fragt Mendelssohn ihn traulich: wie haben Schul’ und Welt
So seltsam dich erzogen und deinen Geist erhellt?

Drauf er: du lenkst vom Lichte die Blicke niederwarts,
Zu forschen nach dem Menschen und schauen ihm ins Herz;
Ich zeige mich dem Freunde, und meinen Weg und Ziel,
Und melde, wie die Binde mir von den Augen fiel.

Mein Forschen und mein Trachten, das bin ich selbst und ganz,
Minuten so wie diese sind meines Lebens Glanz;
Ich trage sechzig Jahre noch frisch und wohlgemut,
Noch schmilzt den Schnee des Alters des Herzens inn’re Glut.

Zu Glosk in unsern Schulen bekam ich Unterricht;
Der Talmud und der Talmud! sie wubten And’res nicht;
Verhangen und verfinstert das gottliche Gebot,
Das leis’ aus tiefstem Herzen sich doch mir mahnend bot.

Wie hab’ ich oft mit Schmerzen die stumme Mitternacht
Auf ihren toten Buchern verstort herangewacht:
Wie hatt’ ich fromm und willig den Lehrern nur geglaubt,
Und wiegte doch verneinend mein sorgenschweres Haupt.

Und nun ich sollte lehren, so wie ich selbst belehrt,
Da hat sich mir die Rede gar wundersam verkehrt;
Da schallt aus mir die Stimme auf Satzungen und Trug,
Dem Blitze zu vergleichen, der aus den Wolken schlug.

Sie haben sich entsetzet, sie haben mich fortan
Bedrohet und gefahrdet und in den Bann gethan;
Ich hatte mich gefunden, ich war, der ich nun bin,
Ich folgte meiner Sendung mit leichtem, freud’gem Sinn.

So wallt’ ich, in der Heimat ein Fremder, nun hinfort
Verstoben, fluchbeladen, unstat von Ort zu Ort,
Und forschte, sprach und lehrte, und trachtete doch nur,
Das arme Volk zu leiten auf eine bess’re Spur.

Und dreizehn Bucher hatt’ ich verfabt mit allem Fleib,
Die Bucher, sie enthielten das Beste, was ich weib;
Zu Wilna, o! da waren fast grausam allzusehr
Die Ältesten des Volkes, wie nirgends anders mehr.

Sie haben meine Bucher zerrissen insgesamt,
Und haben zu den Flammen sie ungehort verdammt;
Sie schichteten den Holzstob beim alten Apfelbaum
Vor ihrer Synagoge im innern Hofesraum.

Da standen in dem Rauche die Alten blod’ und blind,
Den schlug auf sie hernieder ein macht’ger Wirbelwind,
Gereinigt schwang die Flamme sich zu dem hohern Licht;
Den Geist, das Licht, die Sonne vernichten sie doch nicht.

Ich selbst, ich sollte sterben, kaum heimlich war der Rat;
Doch fand sich ein Rabbiner, der um mein Leben bat;
Ich wurde blob gegeibelt, und als man frei mich gab,
So griff ich heitern Sinnes zu meinem Wanderstab.

Der freud’ge, rust’ge Waller zieht uber Berg und Thal,
Ihm scheinet, ihn erwarmet der lieben Sonne Strahl,
Der Schob der grunen Erde empfangt mit rechter Lust
Sein mudes Haupt am Abend, er ruht an Mutterbrust.

Wer je von seinen Brudern den Hunger selber litt,
Teilt ihm vom letzten Brote gern einen Brocken mit,
Er zieht durch Land und Stadte und ruhmt sich reich und frei,
Und weib von keiner Armut und keiner Sklaverei.

Vor Sprach – und Stammverwandten entquillt an jedem Ort
Ans ubervollem Herzen ihm das lebend’ge Wort,
Zu lehren und zu bessern, zu sichten sonder Scheu
Den Glauben von dem Wahne, den Weizen von der Spreu.

Ist Felsen auch der Boden, die Saat verstreue nur!
Es traufelt auf den Felsen, wie auf die grune Flur,
Des Ew’gen milder Regen. Beharrlichkeit! Geduld!
Du zahlest deinem Schopfer so deines Lebens Schuld.

Und herwarts zog mich machtig und ahnungsvoll mein Herz,
Von deines Namens Klange gelockt, du reines Erz;
Du bist, den ich gesuchet, du, der vom Wahne fern
Zerbricht die hohle Schale und sucht nach ihrem Kern.

Das will auch ich, so reiche mir deine liebe Hand,
Wir schaffen hier und knupfen ein gottgefallig Band;
Das Licht, das ist das Gute; die Finsternis, die Nacht,
Das ist das Reich der Sunde und ist des Bosen Macht.

Dir stromet von den Lippen ein ruhig klarer Born,
Es leiht gewalt’ge Worte mir oft ein heil’ger Zorn;
So lab vor unserm Volke zerreiben uns vereint
Des Aberglaubens Schleier, bis hell der Tag ihm scheint.

Nicht trage denn, nicht lassig; die Hand ans Werk gelegt!
Versammle du die Junger, es tagt, die Stunde schlagt.
Wir hammern an den Felsen, bis hell der Stein erklingt,
Und an das Licht der Sprudel lebend’gen Wassers springt.

Darauf mit Ruhrung lachelnd der Wirt zu seinem Gast:
Genugt dir nicht, du Guter, was du erduldet hast?
Soll wiederum sich schichten ein Scheiterhaufen? kann
Die Geibel nicht dich lehren? du lehrbegier’ger Mann!

Du forschest nach der Wahrheit; erkenne doch die Welt,
Die fester als am Glauben am Aberglauben halt;
Was je gelebt im Geiste, gehort der Ewigkeit,
Nur ruft es erst ins Leben die allgewalt’ge Zeit.

Bleib hie und lerne schweigen, wo sprechen nicht am Ort;
Du magst im Stillen forschen, erwagen Geist und Wort,
Und magst das Korn der Furche der Zeiten anvertrau’n;
Vielleicht wird einst dein Enkel die goldnen Saaten schau’n.

Drauf er: du schweigst, du Kluger, und schweigen soll mein Mund!
So sprich, wer soll denn reden und thun die Wahrheit kund?
Du helles Licht des Geistes sollst leuchten freundlich mir;
Die Hand darauf; – wir scheiden! mein Pfad, der trennt sich hier.

Er ging; dem Flammengeiste, dem Flammenherzen galt
Fur Feigheit jede Vorsicht, und freundlich zurnend schalt
Ihn Mendelssohn vergebens; er ging und lehrt’ und sprach,
Bis uber ihn aufs Neue das Ungewitter brach.

Die Ältesten des Volkes entrustet luden ihn
Vor ihre Schranken; rede, was machst du in Berlin? –
Ich forsch’ in dem Gesetze, daruber sprech ich auch
Mit andern Schriftgelehrten nach hergebrachtem Brauch. –

Du stehst in keinem Dienste? hast kein Gewerbe? – Nein!
Ich kann und will nicht handeln, und mag nicht dienstbar sein. –
Und wir, nach hies’ger Ordnung, verbieten diese Stadt
Dem argerlichen Neu’rer, der hier gelastert hat.

Darauf erhob sich Abba und sprach: Hartherzigkeit,
Du bist zur Ordnung worden, du herrschest hier zur Zeit!
Und kennt ihr den Propheten Jeremia denn nicht,
Der so aus meinem Munde zu euch, ihr Starren, spricht:

“Die Missethat der Tochter von Sion, unerhort!
Verdunkelt Sodom’s Sunde, die doch mein Grimm zerstort.”
Die Schrift und die Propheten, die les’ ich Tag und Nacht,
Und hab’ auch andre Worte zu eigen mir gemacht!

“Du sollst dich nicht entsetzen, und sollst, du Menschenkind,
Vor ihnen dich nicht furchten, die mir abtrunnig sind;
Du wohnst bei scharfen Dornen und Skorpionen dort,
Doch sollst du dich nicht furchten, verkundest du mein Wort.”

Sie holten ihn am Abend wohl mit der Polizei,
Ihn auf die Post zu bringen, er rief den Freund herbei,
Der schafft’ ihm einen Dienstschein, geschirmet war er so
Vor seinen Widersachern, sie waren deb nicht froh.

Und eine Rechnung reichten zur Zahlung sie ihm dar,
Wo Postgeld nebst der Butteln Gebuhr verzeichnet war;
Er aber sprach und lachte: geduldet euch, ihr Herrn,
Hier pabt wohl ein Geschichtchen, und ich erzahl’ es gern.

Den Unsern wird zu Lemberg ein kummervolles Los,
Die jungen Herrn, die Schuler, sind ganz erbarmungslos,
Den armen Unterdruckten mibhandeln sie und schmah’n,
Und werfen ihn mit Steinen, wo immer sie ihn seh’n.

Als einer, den sie schlugen, nah am Verscheiden war,
Vermab sich die Gemeinde, bedrangt von der Gefahr,
Den Jesuiten Obern zu klagen ihre Not;
Die haben unparteiisch erlassen ein Verbot:

Es durfen nicht die Schuler aus eitlem Zeitvertreib
Die Juden so mibhandeln, dab sie an ihrem Leib
Beschadigt werden mochten; es wird auch untersagt,
Blutrunstig sie zu schlagen, wie eben wird geklagt.

Ein arglos Schimpfen, Werfen, ein Stob und solcherlei,
Das mussen sie erdulden und steht den Schulern frei,
Weil mancher unter diesen ist guter Eltern Kind,
Und Juden doch am Ende nur eben Juden sind.

Ein Jud’ in diesen Tagen, der her die Strabe kam,
Bemerkte, dab ein Schuler ihn recht zum Ziele nahm,
Er buckte sich bei Zeiten und wich dem Stein noch aus,
Der klirrend flog ins Fenster dem nachsten Burgerhaus.

Die Scheibe war zerbrochen; der Burger saumte nicht
Und zog, Ersatz zu fordern, den Juden vor Gericht:
Denn hattest du gestanden dem Wurf, wie sich’s gebuhrt,
So wurde von dem Steine mein Fenster nicht beruhrt.

Ihr habt den Stein geworfen, ich habe mich gebuckt,
So hat der Wurf die Scheibe des Nachbars nur zerstuckt.
Ich soll die Scheibe zahlen, das Recht, das eure, spricht’s,
Doch hat das Recht verloren, denn, seht! ich habe nichts.

Als jene sich entfernet, verblieben noch die Zwei
Im traulichen Gesprache, sie dachten laut und frei;
Begegnen sich die Geister verwandt im Lichtrevier,
Das ist des Lebens Freude, das ist des Lebens Zier.

Und Abba zu dem Freunde: bin friedlich ja gesinnt,
Du siehst, dab aller Orten sich Hader um mich spinnt;
Frei mub ich denken, sprechen und atmen Gottes Luft,
Und wer die Drei mir raubet, der legt mich in die Gruft.

Von hinnen will ich ziehen, den Wanderstab zur Hand,
Ein Land der Freiheit suchen, nach Holland, Engelland;
Der Druck hat hier den Juden Bedruckung auch gelehrt,
Wohl wird er Duldung uben, wo Duldung er erfahrt.

Und Mendelssohn dagegen und schuttelte das Haupt:
Du liebewerter Schwarmer, der noch an Duldung glaubt,
Zeuch hin, dich blob zu geben auch dort der Eulenbrut!
Dein zugewog’nes Glucksteil, das ist dein froher Mut. –

Mein zugewog’nes Glucksteil, das ist die Liebe mein
Zu meinem Volk; mein Glaube, zu bessern muss’ es sein;
Mein Hoffen, mitzuwirken dazu mit Gut und Blut;
Du nennst die Drei zusammen, das ist mein froher Mut.

Und frohen Mutes nahm er den Wanderstab zur Hand,
Und zog wohl in die Fremde, nach Holland, Engelland;
Den blut’gen Welterob’rer verfolgt die Sage nur,
Vom Menschenfreund und Bettler verlieret sich die Spur.

Zuruck nach manchen Jahren gleich frohen Mutes kam
Er nach Berlin gewandert; sein rechter Arm war lahm;
Und blind sein andres Auge, vernarbt sein Angesicht,
Sein Herz allein das alte, verandert war es nicht.

So trat er freundlich lachelnd vor Moses Mendelssohn:
Wie dort es mir ergangen, du Kluger, siehst es schon;
Sie haben mich geschmahet, mibhandelt und verbannt,
War’ ihnen Macht gegeben, sie hatten mich verbrannt.

Und wieder frohen Mutes, da ihn Berlin verstieb,
Zog er nach seiner Heimat, die Hab ihm nur verhieb,
Da wallt’ er rust’gen Schrittes, ein Fremder, fort und fort,
Verstoben, fluchbeladen, unstat von Ort zu Ort.

Einst sucht’ er wohl vergebens seit manchem Tag vielleicht,
Wer ihm von seinem Brote das durft’ge Stuck gereicht;
Der Schob der Mutter Erde empfing’ zur letzten Ruh’
Sein graues Haupt, ihm fielen die muden Augen zu.



Abba Glosk Leczeka - ADELBERT VON CHAMISSO