An Herrn D. Carl Friedrich Lau - JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED

Des Aberglaubens Anker bricht,
Sein tiefbeschamtes Angesicht
Mub sich je mehr und mehr mit bloder Rothe farben.
Der aufgeklarte Geist der Welt,
Dem keine Thorheit mehr gefallt,
Wird nun nicht, wie vorhin, vor eitler Angst verderben.

Wie bebte vormals Stadt und Land,
Wenn eine freche Zauberhand
Sich murmelnd in den Kreis beschworner Zeichen zirkte?
Wenn Faust auf seinem Mantel fuhr,
Und zur Beschimpfung der Natur
Mehr Wunder in der Welt, als Mosis Stecken, wirkte.

Nun steht der kahle Blocksberg leer,
Der Hexen Korper ist zu schwer,
Kein Geist kan solche Last durch leichte Lufte fuhren:
Kein heiber Scheiterhaufen schmaucht,
Kein angeflammter Holzstob raucht,
Es ist itzt keine Spur der Zauberey zu spuren.

Wie zitterte die Vorderwelt!
Wie? Sah man nicht den grobten Held
Die nachtliche Gewalt der Poltergeister glauben?
Denn alles fiel, und nichts zerbrach,
Ein Wort, das man von spucken sprach,
War stark und kraftig gnug uns Herz und Muth zu rauben.

Kein Kind entsetzt sich mehr davor,
Es scheint, dab itzo unser Ohr
In diesem Absehn taub, das Auge blind geworden.
Gespenster sind uns unbekannt,
Die Poltergeister ausgebannt,
Drum wird Betrug und Angst itzt keinen Menschen morden.

Noch mehr! ein andrer Irrthum schwindt,
Der sich bey feigen Seelen findt,
Wenn sie in ihrer Zeit gewisse Stuffen zahlen.
Man nennet es ein Stuffenjahr,
Und pflegt mit Krankheit und Gefahr
Mit schwerer Todesfurcht die bange Brust zu qualen.

Mein Lau! dein eigen Beyspiel weist,
Dab sich der oft betrogne Geist
Verirrter Sterblichen mit leeren Aengsten plaget.
Kein Stuffenjahr erschreckte dich,
Dein grober Geist erhohte sich,
Wenn mancher blode Sinn aus fruher Furcht verzaget.

Beglucktes Haupt! das seine Zeit,
Nicht durch vergebne Traurigkeit,
Mit selbst gemachter Angst und eigner Schuld verkurzet.
Gesetzter Muth! der seine Zahl
Nicht mindert, nicht durch Gram und Qual
Sich schleunig in den Schlund des offnen Grabes sturzet.

Dein theures Haus ist froh dabey
Und wird von allem Kummer frey,
Da heute wiederum dein Wiegenfest erschienen.
Auch deines Dieners treue Brust
Ergotzet sich bey solcher Lust,
Und will dich, grober Mann, durch diesen Wunsch bedienen.

Des Himmels Schild bedecke dich,
Dein hohes Alter mehre sich,
Bis deine Jahre ganz an deine Tugend reichen.
Gott segne deine Wanderschaft,
So wirst du voller Muth und Kraft
Dem Nestor, so an Zeit als seltner Klugheit gleichen.

An Herrn D. Carl Friedrich Lau