Poesie - ANETTE VON DROSTE-HUELSHOFF

Fragst du mich im Ratselspiele,
Wer die zarte lichte Fei,
Die sich drei Kleinoden gleiche
Und ein Strahl doch selber sei?
Ob ich’s rate? ob ich fehle?
Liebchen, pfiffig war ich nie,
Doch in meiner tiefsten Seele
Hallt es: das ist Poesie!

Jener Strahl, der, Licht und Flamme,
Keiner Farbe zugetan,
Und doch, uber alles gleitend,
Tausend Farben zundet an,
Jedes Recht und keines Eigen. –
Die Kleinode nenn’ ich dir:
Den Turkis, den Amethysten
Und der Perle edle Zier.

Poesie gleicht dem Turkise,
Dessen frommes Auge bricht,
Wenn verborgner Saure Brodem
Nahte seinem reinen Licht;
Dessen Ursprung keiner kundet,
Der wie Himmelsgabe kam
Und des Himmels milde Blaue
Sich zum milden Zeichen nahm.

Und sie gleicht dem Amethysten,
Der sein veilchenblau Gewand
Labt zu schnodem Grau erblassen
An des Ungetreuen Hand;
Der, gemeinen Gotzen fronend,
Sinkt zu niedren Steines Art,
Und nur einer Flamme dienend
Seinen edlen Glanz bewahrt;

Gleicht der Perle auch, der zarten,
Am Gesunden tauig klar,
Aber saugend, was da Krankes
In geheimsten Adern war;
Sahst du niemals ihre Schimmer
Grunlich, wie ein rnodernd Tuch?
Eine Perle bleibt es immer,
Aber die ein Siecher trug.

Und du lachelst meiner Losung,
Flusterst wie ein Wiederhall:
Poesie gleicht dem Pokale
Aus venedischem Kristall!
Gift hinein – und schwirrend singt er
Schwanenliedes Melodie,
Dann in tausend Trummer klirrend,
Und hin ist die Poesie!

Poesie