Українська та зарубіжна поезія

Вірші на українській мові







Der Schongeist

“O welch ein Duften, Rosalinde!
Im blutenuberfullten Tal!
Durch das Gewolk, zerstreut vom Winde,
Bricht brennend rot der Abendstrahl;
Wie Feuer fliesst der Fruhlingsregen,
Wie Feuer rollt es auf den Wegen
Und trieft’s von jedem Zweig zumal!

Und siehst du dort die Gruppe ragen
Am Kreuzweg finster in die Glut,
In sich geschart, wie stumme Klagen,
Die malerische Lumpenbrut?
Ein volles Bild ist hier errichtet,
Ein jeder Zug ist wie gedichtet –
Heut sind uns, traun! die Musen gut!

Gib Stift und Mappe, dass die rasche,
Die kecke Dilettantenhand
Die Perle dieses Bildes hasche,
Das ich so unverhofft hier fand!
Zu schoner Stunden heitrem Schauen,
Gemut und Augen zu erbauen,
Sei es fur immer festgebannt.

Siehst du, o teure Rosalinde!
Den bart’gen Mann mit breitem Hut,
An dem die Mutter mit dem Kinde –
Madonnenurbild! – saugend ruht?
Es ragt das dunkle Haupt des Gatten,
In sich gekehrt, im braunen Schatten,
Das ihre schwimmt in Purpurglut.

Jedoch, dass von der ebnen Erde
Das Bild gerundet auf sich schwingt,
Siehst du der Kinder scheue Herde,
Wie sie der Eltern Knie umringt;
Und duster, stumm, wie erzgegossen,
Von Licht und Regen uberflossen
Es glanzend in die Augen springt.

Welch einen Adel haucht das Ganze,
Stolz, wie ein ehern Konigsgrab!
Wie thront in seines Jammers Glanze
Der Mann mit seinem Wanderstab!
Dank dir, o freundlichste der Musen,
Die ein empfanglich Herz im Busen,
Den Sinn fur ewig Schones gab!”

Da sind, im Tau des Grames schwimmend,
In dem der Abendstrahl sich bricht,
Ein grosses Sternbild, dunkel glimmend,
Die Augen jener aufgericht’;
Sie starren wundernd nach dem Bogen,
Von dem ihr Konterfei, gezogen
Von weisser Hand, schon deutlich spricht.

Und hoch aus seines Elends Mitte
Hub sich der arme Mann empor,
Und langsam trugen mude Schritte
Die finstere Gestalt hervor;
Es schlossen fest sich seine Zahne,
Im Aug’ der Krankung bittre Trane,
Im Antlitz dunklen Zornes Flor,

Stand er vor den Empfindungsvollen,
Die im vergluhnden Abendrot
Erbleichten ob dem dumpfen Grollen
Der furchtbar nahen Menschennot!
“Soll ich das sein? o sprich, du Fratze!
Soll meiner spotten dies Gekratze?”
Und trat das Bild tief in den Kot.

“Verdammt sei eurer Seelen Kalte,
Die mit den Blicken, spitz wie Stahl,
Herschleichend unterm Himmelszelte
Betastet unsre nackte Qual!”
Er schwang der Armut langen Stecken
Samt Rosalinden floh voll Schrecken
Der Schongeist aus dem Blutental!

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Der Schongeist - GOTTFRIED KELLER