Українська та зарубіжна поезія

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Bey dem Grabe der Frau geh. Rathinn von Pflug

Wer kann ein so theures Haupt,
Wer kann solche seltne Gaben,
Sonder Schmerz und Gram begraben,
Als der Tod uns hier geraubt?
Fliebt ihr hochstgerechten Zahren!
Eurer schamt sich niemand nicht,
Euren Strom wird niemand wehren,
Der aus Antrieb seiner Pflicht,
Die es treu und redlich meynet,
Voll von zarter Regung weinet.

O du thranenwerthes Grab,
Und du mutterliche Leiche!
Wie entsetzlich sind die Streiche,
Die dein fruher Fall uns gab!
Mitten in den schonsten Tagen,
Mitten unter Gluck und Ruh,
Hort man dich von Krankheit klagen,
Druckt man dir die Augen zu;
Mub dein matter Leib erblassen,
Und der Geist den Korper lassen.
Ach was soll, was kann man thun,
Theure Mutter! dich zu retten?
Sollst du kunftig in den Ketten
Dieses Schlummers ewig ruhn?
Zucht, Gerechtigkeit und Treue,
Unverfalschte Redlichkeit
Ruhmten sonst, und hier aufs neue,
Dab dein Herz sich jederzeit,
Durch ein tugendhaftes Leben,
Ihrer aller Dienst ergeben.

Komm doch wieder, schoner Tag!
Da ihr mutterlicher Segen,
Unsrer Hochzeitfackeln wegen,
Beyden auf der Scheitel lag;
Da ein treues Handekussen
Unsrer Ehrfurcht Opfer war.
O wie viel ist uns entrissen!
O wie sehr wirds offenbar!
Keine Lust kann lange dauren;
Auf die Freude folgt das Trauren.

Du geliebtes Ehrenhayn!
Dein Vergnugen, dein Ergetzen,
Ist dem Gram weit nachzusetzen,
Dem wir unterworfen seyn.
Deine Schonheit wird zur Wusten,
Deine Flur ein Todtenhaus;
O dab wir nicht sagen mubten:
Ehrenhayn fullt Angst und Graus!
Ist, wo wir die Wahrheit kennen,
Besser, Jammerhayn zu nennen.
Nennt es kunftig anders nicht,
Wenn ihr sein gedenken sollet,
Die ihr uns nicht kranken wollet,
In Erfullung unsrer Pflicht.
Seine Felder, seine Wiesen
Reizen uns zum Kummer an;
Jeder Ort, der uns vor diesem
Manchen frohen Dienst gethan,
Tragt hinfort von unsrer Leichen
Nur betrubte Trauerzeichen.

Himmel! warum wubtest du
Keinen Theil von unsren Jahren
Fur die Seligste zu sparen?
Leg ihn ihr noch itzo zu!
Doch das Seufzen kommt zu spate;
Wer erlost sie von der Gruft?
Wenn man noch so brunstig bathe,
Wurde kaum die taube Luft,
Bey Bezeugung unsrer Schmerzen,
Durch ein trubes Echo scherzen.

Ruhe sanft, entwichner Geist!
Aus der Welt erloste Seele!
Wir verehren deine Hohle,
Bis die Zeit uns folgen heibt.
Unsers theuren Vaters Liebe
Soll uns statt der Mutter seyn;
Denn mit seinem Tugendtriebe
Stimmt auch treue Sorgfalt ein:
Und so hofft man, dab im Grabe
Man auch dich verehret habe.

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Bey dem Grabe der Frau geh. Rathinn von Pflug - JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED