Українська та зарубіжна поезія

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An die beruhmte Frau Dacier

Ihr Todten! konnt ihr uns erscheinen,
Wenn gleich der Leib im Grabe liegt;
Wo auf den modernden Gebeinen
Verwesung, Graus und Schimmel siegt;
Schwebt euer Geist noch um die Grufte,
Bewohnt ihr noch die tiefen Lufte:
So labt doch meinen Wunsch geschehn.
Ach! wollte mir ein Ruf gelingen:
So liebe sich vor allen Dingen
Die hochberuhmte Dacier sehn.

Ich irre. Nein! Euch, fromme Schatten,
Erquicket das Elyserfeld:
Da kommt euch euer Thun zu statten,
Da denkt ihr kaum der Oberwelt.
Mercur, du starker Wunderthater,
Sey du einmal auch mein Vertreter,
Dein Ansehn ist beym Pluto grob:
Durch deinen Furspruch kann mirs glucken;
Er giebt dir leicht mit holden Blicken
Die jetzt verlangte Todte los.

Du fragst mich: Soll sie wieder leben?
O nein, Mercur! das wunsch ich nicht:
Sie soll mir nur den Anschlag geben,
Den sich mein Herz von ihr verspricht.
Ein Augenblick wird mich belehren:
Alsdann mag sie zurucke kehren,
Wo ihre Tugend sie belohnt.
Wohlan, ich seh den Gotterbothen,
Er eilt, er fliegt ins Reich der Todten,
Wo Marter und Vergnugen wohnt.

Ich bin erhort. Seht! Charons Nachen,
Der immer leer zurucke fahrt,
Mub, mir zu gut, was neues machen;
Dieweil es Pluto selbst begehrt.
Die theure Dacier kommt zurucke,
Sie stellt sich anfangs meinem Blicke
Nach Art getrennter Geister dar:
Doch giebt Mercur mit seinem Stabe,
Durch die beruffne Wundergabe,
Ihr alles, was sie lebend war.

Sie liest. Ich seh ihr edles Wesen,
Das ihr aus Blick und Minen stralt;
So Tracht als Gang ist auserlesen,
Kein Kunstler hat sie so gemalt.
Sie kehrt die scharfen Augenlichter
Auf dich, du Vater aller Dichter!
Als dessen Schrift sie bey sich tragt.
Sie lachelt fast bey jeder Zeile,
Bis sie, nach einer kurzen Weile,
Entzuckt in beyde Hande schlagt.

O welch ein Glucke, dich zu schauen,
Du Wunder der Gelehrsamkeit!
Erlaube mir, Schmuck aller Frauen!
Zu fragen, was dich so erfreut?
Kann denn Homer mit seinen Satzen,
Dich auch im Tode noch ergetzen,
Der doch bey uns nicht mehr gefallt?
Ja, spricht sie: Solche Seltenheiten
Bewundern auch die Ewigkeiten
In unsrer tiefen Unterwelt.

Was ist nun ferner dein Begehren?
So fahrt sie fort: Was foderst du?
Warum mub ich zurucke kehren?
Was stort man mich in meiner Ruh?
O Heldinn! deines Geistes Starke
Und deines Griffels Wunderwerke,
Die haben mich dazu gebracht.
Ich habe dir was vorzutragen,
Es steht bey dir, ob meinen Klagen
Dein Furspruch bald ein Ende macht.

Du kennst vieleicht bereits die Schone,
Die dort am Weichselufer singt;
Indem der Wohlklang ihrer Tone
Gewib bis zu den Schatten dringt.
Du kennest ihres Geistes Gaben,
Die wenig ihres gleichen haben,
Und ihren nett geschnittnen Kiel;
Der oft den Franzen und den Britten
Den Preis der Schreibart abgestritten,
Ja Deutschland schon im Druck gefiel.

Du kennst, in der von Lambert Schriften,
Ihr Buch, vom weiblichen Geschlecht:
Denn selbst in eures Pluto Gruften
Wird solch ein Lob ihr nicht geschwacht.
Dieb Werk, das jeden hier ergetzet,
Hat meine Freundinn ubersetzet,
Ja fast noch schoner dargestellt.
Noch mehr! Sie hat mit suber Zungen
Auch Rublands Kaiserinn besungen,
Das Wunder unsrer Oberwelt.

Sie liebt ein kluges Bucherlesen,
Sie schreibt geschickt, und mit Verstand:
Sie habt ein abgeschmacktes Wesen,
Und kurz, sie ziert ihr Vaterland.
Nur eins, o Heldinn! mub ich klagen,
Sie hat mir etwas abgeschlagen,
Was ich zu ihrem Ruhme bath;
Was keine noch vor ihren Zeiten,
Verstand und Tugend auszubreiten,
Von deutschem Frauenzimmer that.

Es ist fur sie nicht schwer zu nennen;
Ihr Kiel vermag weit mehr, denn das:
Sie wurd es selber wohl erkennen;
Nur scheuet sie der Thoren Hab.
Es schrecken sie die tollen Rotten,
Die alles lastern und verspotten,
Was einer Schonen Griffel wagt.
O Dacier! strafe dieb Betragen:
Denn so will sie mir das versagen,
Was sie mir heiligst zugesagt.

Wohlan! erfulle mein Verlangen,
Ermuntre meiner Freundinn Kiel;
Du bist ihr ruhmlichst vorgegangen,
Vielleicht wird noch dein Lob ihr Ziel.
Erschein ihr, wenn sie schlaft und traumet;
Und mache, dab sie nichts versaumet,
Was ihren Ruhm unsterblich macht.
Du kannst ihr nur dein Beyspiel zeigen;
Und darfst ihr nichts von dem verschweigen,
Was dich so hoch empor gebracht.

Es soll geschehn! du wirst es spuren:
Mercur soll mich nach Preubenland
In deiner Freundinn Zimmer fuhren:
So sprach die Heldinn, und verschwand.
Victoria! du wirst sie sehen,
Vielleicht ist solches schon geschehen,
Dein Freund hat sie dir zugeschickt.
Drum, hast du mir dein Herz gegeben:
So mach auch, auserwahltes Leben!
Dab solch ein kleiner Wunsch mir gluckt!


An die beruhmte Frau Dacier - JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED