Elegie - GOTTFRIED AUGUST BURGER

Als Molly sich losreiben wollte.

Darf ich noch ein Wortchen lallen?
Darf vor deinem Angesicht
Eine Thrane mir entfallen? –
Ach, sie durfte freilich nicht!
Ihren Ausbruch abzuwehren,
Brachte mehr fur dich Gewinnst,
Um den Kampf nicht zu erschweren,
Den du gegen mich beginnst.

Und, o Gott! darf ich ihn tadeln?
Sollte nicht mein schonstes Lied
Mehr den edeln Kampf noch adeln,
Ob er gleich ins Grab mich zieht? –
Ja, das find’ ich recht und billig!
Noch ist mein Gewissen wach,
Und mein bebres Selbst ist willig;
Aber seine Kraft ist schwach.

Denn wie soll, wie kann ich’s zahmen,
Dieses hochemporte Herz?
Wie den letzten Trost ihm nehmen,
Auszuschreien seinen Schmerz?
Schreien, aus mub ich ihn schreien!
Herr, mein Gott, du wirst es mir,
Du auch, Molly, wirst verzeihen!
Denn zu schrecklich tobt er hier.

Ha, er tobet mit er Holle,
Mit der ganzen Holle Wuth!
Hochste Glut ist seine Quelle
Und sein Ausstrom hochste Glut!
Gott und Gottes Creaturen
Ruf’ ich laut zu Zeugen an,
Ob’s von irdischen Naturen
Eine stumm verschmerzen kann! –

Rosicht wie die Morgenstunde,
Freundlich wie ein Paradies,
Wort und Kub auf ihrem Munde,-
O kein Nektar ist so sub! –
War ein Madchen mir gewogen…
Wie? Gewogen nur? Furwahr
Ihre tausend Schwure logen,
Wenn ich nicht ihr Abgott war.

Und sie sollte lugen konnen,
Lugen nur ein einzig Wort?
Nein! In Flammen will ich brennen,
Zeitlich hier und ewig dort,
Der Verdammnib ganz zum Raube
Will ich sein, wofern ich nicht
An das kleinste Wortchen glaube,
Welches dieser Engel spricht.

Und ein Engel sondergleichen,
Wenn die Erde Engel hat,
Ist sie! Weichen mub ihr, weichen,
Was hier Gott erschaffen hat! –
O, ich weib wohl, was ich sage!
Deutlich, wie mir See und Land
Hoch um Mittag liegt zu Tage,
So wird das von mir erkannt.

Rumpften Tausend auch die Nasen:
“Deine Sinne tauschen dich!
Grobe Liebe macht dich rasen!” –
O ihr Tausend seid nicht ich!
Ich, ich weib es, was ich sage!
Denn ich weib es, was sie ist,
Ws sie wiegt auf rechter Wage,
Was nach rechtem Mab sie mibt.

Andre mogen Andre loben
Und zu Engeln sie erhohn!
Mir, von unten auf bis oben,
Dunkt, wie sie, nicht eine schon.
Wie von auben, so von innen
Dunkt auch nuchtern meinem Sinn
Sie der hochsten Koniginnen
Aller Anmuth Konigin.

Bettelarm ist, sie zu schildern,
Aller Sprachen Ueberflub.
Zwischen tausend schonen Bildern
Wuhlt umsonst mein Genius.
Sprach’ ich auch mit Engelzungen
Und in Himmelsmelodie,
Dennoch, dennoch unbesungen,
Wie sie werth ist, bliebe sie. –

Eine solche ist es! eine,
Die kein Name nennen kann!
Die zu vollem Herzvereine
Mich so innig liebgewann,
Dab ihr seligster Gedanke,
Den sie dachte, wie den Stab
Rundherum des Weinstocks Ranke
Tag und Nacht nur mich umgab.

Welch ein Sehnen, welch ein Schmachten,
Wann sie mich nicht sah und fand!
Welch ein wonniges Betrachten,
Wo ich ging und sab und stand!
Welch ein Sauseln, welch ein Wehen,
Wann sie kosend mich umfing
Und mit subem Liebeflehen
Brunstig mir am Halse hing! –

Alles, alles Das wie selig,
O wie selig fuhlt’ ich das!
Fuhlt’ es so, dab ich allmahlich
Alles auber ihr vergab;
Und nun ward, in ihr zu leben,
Mir so innig zur Natur,
Wie, in Licht und Luft zu weben,
Jeder Erdencreatur.

Stolz konnt’ ich vor Zeiten wahnen,
Hoch sei ich mit Kraft erfullt,
Auch das Geistigste mit Tonen
Zu verwandeln in ein Bild;
Doch lebendig darzustellen
Das, was sie und ich gefuhlt,
Fuhl’ ich jetzt mich, wie zum schnellen
Reigen sich der Lahme fuhlt.

Es ist Geist, so rasch beflugelt
Wie der Specereien Geist,
Der, hermetisch auch versiegelt,
Sich aus seinem Keller reibt.
Welche Macht kann ihn bezahmen,
Welche Macht durch Ton und Wort
Fesseln und gefangen nehmen? –
Leicht wie Aether schlupft er fort. –

Nun, – o war’ ich nie geboren,
Oder schwand’ in Nichts dahin! –
Was sie war, ist mir verloren,
Da, was ich ihr war, noch bin.
Sie wahnt’ sich’s von Gott geheiben,
Trotz Verblutung oder Schmerz
Von dem meinigen zu reiben
Ihr ihm einverwachs’nes Herz.

Rasch, mit Ernst und Kraft zu ringen,
Hat sie nun sich aufgerafft,
Und den Heldenkampf vollbringen
Will ihr Ernst und ihre Kraft.
Wird sie in dem Kampf erliegen,
Wird sie, oder wird sie nicht?
“Sterben”, rief sie, “oder siegen
Heiben Tugend mich und Pflicht.”

Ach, ich weib Dem keinen Tadel,
Ob es gleich das Herz mir bricht,
Was so ruhmlich fur den Adel
Ihrer schonen Seele spricht!
Denn, o Gott, in Christenlanden,
Auf der Erde weit und breit,
Ist ja kein Altar vorhanden,
Welcher unsre Liebe weiht.

Wie in Kerkernacht, belastet
Wie von Ketten, centnerschwer,
Stohnt mein Geist nun, tappt und tastet
Ohne Rath und That umher.
Nirgends ist ein Spalt nur offen
Fur der Hoffnung Labeschein,
Und auch Wunschen oder Hoffen
Scheint Verbrechen gar zu sein.

Ich erstarre, ich verstumme,
In Verzweiflung tief versenkt,
Wenn mein Herz die Leidensumme
Dieser Liebe uberdenkt.
Nichts, ach nichts weib ich zu sagen
Im Bewubtsein dieser Schuld,
Nichts zu murren, nichts zu klagen;
Dennoch mangelt mir Geduld!

Wie wird mir so herzlich bange,
Wie so heib und wieder kalt,
Wenn in diesem Sturm und Drange
Keuchend meine Seele wallt!
Ach! das Ende macht mich zittern,
Wie den Schiffer in der Nacht
Der Tumult von Ungewittern
Vor dem Abgrund zittern macht.

Herr, mein Gott, wie soll es werden?
Herr, mein Gott, erleuchte mich!
Ist wol irgendwo auf Erden
Rettung noch und Heil fur mich?
Heil auch dann, wann ich erfahre,
Dab sie, ganz von mir befreit,
Einem Andern am Altare
Sich mit Leib und Seele weiht?

Werd’ ich, o mein Gott und Racher,
Ohn’ in diesen Hollenwehn
Der Verzweiflung zum Verbrecher
Mich zu wuthen, werd’ ich’s sehn,
Wie der Mann bei Kerzenscheine
Sie zum Brautgemache winkt
Und in meinem Freudenweine
Sich zum frohsten Gotte trinkt? –

Freilich, freilich fuhlt’, was billig
Und gerecht ist, noch mein Sinn,
Und das bebre Selbst ist willig;
Doch des Herzens Kraft ist hin!
Weh mir! Alle Eingeweide
Prebt der bangsten Ahnung Krampf!
O ich armer Mann, wie meide
Ich den furchterlichsten Kampf? –

Bist du nun verloren? Rettet
Keine Macht dich mehr fur mich?
Molly, meine Molly, kettet
Mich kein Segensspruch an dich?
O so sprich, zu welchem Ziele
Schleudert mich ein solcher Sturm?
Dient denn Gott ein Mensch zum Spiele,
Wie des Buben Hand der Wurm? –

Nimmermehr! Dies nur zu wahnen,
Ware Hochverrath an ihm.
Ruhre denn dich meiner Thranen,
Meines Jammers Ungestum!
O es keimt, wie lang’ es wahre,
Doch vielleicht uns noch Gewinnst,
Wenn ich dir den Kampf erschwere,
Den du gegen mich beginnst.

War denn diese Flammenliebe
Freier Willkur heimgestellt?
Nein! Den Samen solcher Triebe
Streut Natur ins Herzensfeld.
Unaustilgbar keimen diese,
Sprossen dicht von selbst empor,
Wie im Thal und auf der Wiese
Kraut und Blume, Gras und Rohr.

Sinnig sitz’ ich oft und frage
Und erwag’ es herzlich treu
Auf des besten Wissens Wage,
Ob “uns lieben” Sunde sei.
Dann erkenn’ ich zwar und finde
Krankheit, schwer und unheilbar;
Aber Sunde, Liebchen, Sunde
Fand ich nie, dab Krankheit war.

O, ich mochte selbst genesen!
Doch durch welche Arzenei?
Oft gedacht und oft gelesen
Hab’ ich viel und mancherlei;
Aerzte, Priester, Weis’ und Thoren
Hab’ ich oft um Rath gefragt;
Doch mein Forschen war verloren,
Keiner hat’s mir angesagt.

O so lab es denn gewahren,
Da Genesung nicht gelingt!
Lab uns lieber Krankheit nahren,
Eh’ uns gar das Grab verschlingt! –
Suche nicht den Strom zu hemmen,
Der so lang’ sein Bett nur fullt,
Bis er zornig von den Dammen
Zum Vertilgungsmeer entschwillt.

Freier Strom sei meine Liebe,
Wo ich freier Schiffer bin!
Harmlos wallen seine Triebe
Wog’ an Woge dann dahin.
Lab’ in seiner Kraft ihn brausen!
Wenn kein Damm ihn unterbricht,
Musse dir davor nicht grausen;
Denn verheeren wird er nicht.

Auf des Stromes Hohe pranget
Eine Insel, anmuthsvoll,
Wo der Schiffer hin verlanget,
Aber, ach! nicht landen soll.
Auf der schonen Insel thronet
Seines Herzens Konigin.
Bei der suben Holdin wohnet
Dennoch immerdar sein Sinn.

Hanget gleich sein Schiff an Banden
Strenger Pflichten, die er ehrt,
Wird ihm gleich dort anzulanden,
Molly, selbst von dir verwehrt:
O so lab ihn nur umfahren
Seines Paradieses Rand
Und es seine Obhut wahren
Gegen fremde Rauberhand.

Selbst, o Holdin – kannst es glauben,
Was dir Mund und Herz verspricht! –
Selbst das Paradies berauben
Und verheeren wird er nicht.
Keine Beere will er pflucken,
Wie so lockend sie auch gluht,
Nicht ein Blumchen nur zerknicken,
Das in diesem Eden bluht.

Hinschaun soll ihn nur ergetzen,
Wenn sein Schiff herum sich dreht,
Nur der sube Duft ihn letzen,
Den der West vom Ufer weht;
Aber ganz von hinnen scheiden,
Fern von deinem Angesicht
Und der Heimat seiner Freuden,
Heib’, o Konigin, ihn nicht.

Elegie