Українська та зарубіжна поезія

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Die Toten an die Lebenden

Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf blut’gem Brett hoch in die Luft gehalten!
Hoch in die Luft mit wildem Schrei, dab unsre Schmerzgebarde
Dem, der zu toten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde!
Dab er sie sehe Tag und Nacht, im Wachen und im Traume
Im Öffnen seines Bibelbuchs wie im Champagnerschaume!
Dab wie ein Brandmal sie sich tief in seine Seele brenne:
Dab nirgendwo und nimmermehr er vor ihr fliehen konne!
Dab jeder qualverzogne Mund, dab jede rote Wunde
Ihn schrecke noch, ihn angste noch in seiner letzten Stunde!
Dab jedes Schluchzen um uns her dem Sterbenden noch schalle,
Dab jede tote Faust sich noch nach seinem Haupte balle –
Mog’ er das Haupt nun auf ein Bett, wie andre Leute pflegen,
Mog’ er es auf ein Blutgerust zum letzten Atmen legen!

So war’s! Die Kugel in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten!
“Herunter!” – und er kam gewankt – gewankt an unser Bette;
“Hut ab!” – er zog – er neigte sich! (so sank zur Marionette,
Der erst ein Komodiante war!) – bleich stand er und beklommen!
Das Heer indes verlieb die Stadt, die sterbend wir genommen!
Dann “Jesus meine Zuversicht!” wie ihr’s im Buch konnt lesen:
Ein “Eisen meine Zuversicht!” war’ pablicher gewesen!

Das war den Morgen auf die Nacht, in der man uns erschlagen;
So habt ihr triumphierend uns in unsre Gruft getragen!
Und wir – wohl war der Schadel uns zerschossen und zerhauen,
Doch lag des Sieges froher Stolz auf unsern grimmen Brauen.
Wir dachten: Hoch zwar ist der Preis, doch echt auch ist die Ware!
Und legten uns in Frieden drum zurecht auf unsrer Bahre.

Weh euch, wir haben uns getauscht! Vier Monden erst vergangen,
Und alles feig durch euch verscherzt, was trotzig wir errangen!
Was unser Tod euch zugewandt, verlottert und verloren –
Oh, alles, alles horten wir mit leisen Geisterohren!
Wie Wellen braust’ an uns heran, was sich begab im Lande:
Der Aberwitz des Danenkriegs, die letzte Polenschande;
Das rude Toben der Vendee in stockigen Provinzen;
Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen;
Die Schmach zu Mainz, die Schmach zu Trier; das Hanseln, das Entwaffnen
Alluberall der Burgerwehr, der eben erst geschaffnen;
Die Tucke, die den Zeughaussturm zu einem Diebszug machte,
Die selber uns, die selbst das Grab noch zu begeifern dachte;
Soweit es Barrikaden gab, der Druck auf Schrift und Rede;
Mit der Versammlung freiem Recht die taglich frechre Fehde;
Der Kerkertore dumpf Geknarr im Norden und im Suden;
Fur jeden, der zum Volke steht, das alte Kettenschmieden;
Der Bund mit dem Kosakentum; das Brechen jedes Stabes,
Ach, uber euch, die wert ihr seid des lorbeerreichsten Grabes:
Ihr von des Zukunftdranges Sturm am weitesten Getragnen!
Ihr – Juni-Kampfer von Paris! Ihr siegenden Geschlagnen!
Dann der Verrat, hier und am Main im Taglohn unterhalten –
O Volk, und immer Friede nur in deines Schurzfells Falten?
Sag an, birgt es nicht auch den Krieg? den Krieg herausgeschuttelt!
Den zweiten Krieg, den letzten Krieg mit allem, was dich buttelt!
Lab deinen Ruf: “Die Republik!” die Glocken uberdrohnen,
Die diesem allerneuesten Johannesschwindel tonen!

Umsonst, es tate not, dab ihr uns aus der Erde grubet,
Und wiederum auf blut’gem Brett hoch in die Luft erhubet!
Nicht, jenem abgetanen Mann, wie damals, uns zu zeigen –
Nein, zu den Zelten, auf den Markt, ins Land mit uns zu steigen!
Hinaus ins Land, soweit es reicht! Und dann die Insurgenten
Auf ihren Bahren hingestellt in beiden Parlamenten!
O ernste Schau! Da lagen wir, im Haupthaar Erd’ und Graser,
Das Antlitz fleckig, halbverwest – die rechten Reichsverweser!
Da lagen wir und sagten aus: Eh wir verfaulen konnten,
Ist eure Freiheit schon verfault, ihr trefflichen Archonten!
Schon fiel das Korn, das keimend stand, als wir im Marze starben:
Der Freiheit Marzsaat ward gemaht noch vor den andern Garben!
Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Sense Hieben –
Oh, war’ der Grimm, der rote Grimm, im Lande so geblieben!

Und doch, er blieb! Es ist ein Trost im Schelten uns gekommen:
Zuviel schon hattet ihr erreicht, zuviel ward euch genommen!
Zuviel des Hohns, zuviel der Schmach wird taglich euch geboten:
Euch mub der Grimm geblieben sein – oh, glaubt es uns, den Toten!
Er blieb euch! ja, und er erwacht! er wird und mub erwachen!
Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen!
Er wartet nur des Augenblicks: dann springt er auf allmachtig,
Gehobnen Armes, wehnden Haars da steht er wild und prachtig!
Die rost’ge Buchse legt er an, mit Fensterblei geladen:
Die rote Fahne labt er wehn hoch auf den Barrikaden!
Sie fliegt voran der Burgerwehr, sie fliegt voran dem Heere –
Die Throne gehn in Flammen auf, die Fursten fliehn zum Meere!
Die Adler fliehn; die Lowen fliehn; – die Klauen und die Zahne! –
Und seine Zukunft bildet selbst das Volk, das souverane!

Indessen, bis die Stunde schlagt, hat dieses unser Grollen
Euch, die ihr vieles schon versaumt, das Herz ergreifen wollen!
Oh, steht gerustet! Seid bereit! Oh, schaffet, dab die Erde,
Darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde!
Dab furder der Gedanke nicht uns storen kann im Schlafen:
Sie waren frei: doch wieder jetzt – und ewig! – sind sie Sklaven!

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Die Toten an die Lebenden - FERDINAND FREILIGRATH