Українська та зарубіжна поезія

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Idylle vom Bodensee 5. Gesang

Schwebe nunmehr, o mein Lied, feldwarts auf beweglichen Schwingen!
Erst am hellen Gestade hinab, dann uber das Fruchtfeld
Schrage den Wasen hinauf, der gemach ansteiget zum Waldsaum.
Dort, in der Fruhe des Hochzeittags, da noch auf den Grasern
Blinkte der Tau und starkenden Duft noch hauchte die Erde,
Stand bei den Eichen die holdeste Schaferin, hutend alleine,
Wie sie wohl manchmal tat an der Stelle des alteren Bruders.
Denn langst war sie geubt in den samtlichen Kunsten des Handwerks:
Wubte geschickt den unfolgsamen Stor mit der Schippe zu treffen,
Stieb in das Pfeifchen und schickte mit fluchtigen Worten den Schafhund
Hinter den irrenden Haufen herum und sie stoben zusammen.
Auch wenn der Bruder den Pferch aufschlug fur die Nacht auf dem Felde,
Trieb sie die Pflock in den Grund mit kraftig geschwungenem Schlagel.
Doch jetzt haftete ruhigen Blicks ihr Aug auf der Berge
Morgendlich strahlenden Reihn, die mit schneeigen Hauptern zum hohen
Himmel sich drangen; und jetzo die fruchtbaren Ufergelande
Flog sie entlang, und den herrlich besonnten Spiegel durchlief sie,
Welcher, vom Dunste befreit, schon warmender Strahlen sich freute.
Hier arbeiteten Fischer im Kahn, dort schwand in die Ferne
Winzig ein Segel, indes schnell wachsend ein anderes nahte,
Und noch andre begegneten sich und kreuzten die Wege.
Rauch stieg auf von den Dachern des Dorfs, und irres Getose
Kam undeutlich herauf von Menschen und Tieren; die Peitsche
Knallt’ und es krahte der Hahn. Doch weit in den blauenden Himmel,
Über dem See und uber dem wilden Geflugel des Ufers,
Kreiste der Reiher empor, dem Santisgipfel sich gleichend;
Aber im Walde, zunachst bei der Schaferin, sangen die Vogel.
Jetzt, indem nach dem Dorfe sie sah, kam hinter den Garten
Tone, der Schiffer, hervor und trat in die offene Strabe.
Da sprach jene verwundert fur sich: ja, wahrlich, er ist es!
Sagten die Madchen doch jungst, er wurde verreisen auf heute.
Trotzig geht er einher und getrost, doch, wie ihm zumut sei,
Dauert er mich auf ein neu’s und mub ich denken, er ziehet
Weit in die Welt und kommt nicht mehr. Das aber ist Torheit,
Weib ich wohl. Wie schon dem wandernden Buben der breite
Strohhut labt mit dem hangenden Band – er hat ihn das erste
Mal heut auf – und mit silbernen Knopfen die Jacke von Sammet!
Trude, was hast du gemacht, so wackeren Jungen verlassen!”
Also sprach Margrete, die Schaferin, mit sich alleine,
Wahrend er nah und naher herankam unten im Fahrweg.
Aber o welches von euch, ihr wehenden Lufte des Morgens,
Fuhrt’ ihm das Wort zu Gehor? Denn mit einmal schaut’ er heruber,
Stand und schaute nach ihr: da schien er sich erst zu bedenken,
Sprang dann uber den Graben und stieg in der Furche des Kornfelds
Grade den Flugel herauf. Von Schrecken gelahmet, das Madchen
Duckte sich nieder am Stamm der gewaltigen Eiche, sich bergend,
Sab und zog ihr kurzes Gewand auf die Knochel der Fube
Hastig hinab, denn barfub war in den Schuhen die Hirtin.
Gleich dann stand er vor ihr und bot ihr die Zeit, und sie gab’s ihm
Mit schamlachelndem Munde zuruck, unsicher die braunen
Augen erhebend; sie glanzten ihr hell im Schatten des Baumes.
Und er sagte sogleich: “Nach Buchhorn mub ich dem Vater;
Gibst du mir nichts in der Stadt zu bestellen? Es sei was es wolle.” –
“Dasmal nicht”, erwiderte sie: “dankswert ist der Antrag.” –
Hierauf wechselten sie gleichgultige Reden; doch abseits
Waren die stillen Gedanken gekehrt und auf anderen Pfaden
Hin und wieder betrafen sie sich und flohen sich alsbald
Scheu. Nun schwiegen sie gar, und er, an die Eiche sich schmiegend,
Blickte von oben auf ihre Gestalt. Da quoll ihm der Busen
Bang und wallete ganz vor sehnender Liebe das Herz ihm,
Welche zuvor ihm schon mit Verheibung leise genaht war,
Wenn dem Einsamen oft das liebliche Bild Margaretens
Sich vor die Seele gestellt mit Trost und Schwestergebarde.
Ach wie drang es ihn jetzt in uberfliebender Ruhrung
Auf einmal sein ganzes Gemut vor ihr zu entdecken!
Aber ihm fehlte der Mut, und er fand nicht wie er beginne.
Endlich mit Not, nur dab er nicht blod und seltsam erscheine,
Frug er, sich zwingend zum Scherz, mit erheiterter Miene das Madchen:
“Margret, singen wir nicht bald wieder zusammen den Kehrreim,
Wie dort, wo ich im Schiff euch fuhr und das Kalbchen ins Aug traf?
Traun, hier sang es sich schon, und niemand nahm es in ubel.” –
Doch das errotende Kind am Boden mit spielendem Finger
Rupfte das Moos und sagte die ungeheuchelten Worte:
“Nicht gern, Tone, das glaub, und heut am wenigsten denk ich
Gern an den leidigen Tag. Ich bin nicht schuld, es ist wohl wahr:
Aber, hat es mit euch auf ein End gehn sollen – ich sagt es
Gleich und sage noch jetzt – ich hatt doch konnen davon sein.”
“Rede mir nicht so!” versetzte der Jungling rasch mit bewegter
Stimme: dein Wort krankt mich; denn so Gott will warest du damals
Mir zum glucklichen Zeichen dabei, und wahrlich umsonst nicht
Mub ich zuerst dir wieder am heutigen Morgen begegnen,
Der zu Schmerzen mir nur, zu Verdrub und Verschamung gemacht schien.
Diesen, ich luge dir nicht, ich sah seit Wochen ihn kommen,
Eben als sei es ein Tag wie ein anderer; siehe, so ist mir
Vollig gewendet der Sinn! Noch kaum zwei Monate bin ich
Los von der Gertrud und – schon so viel Jahre mir deucht es.
Ja ich denke zuruck und kann mich in dem Vergangnen
Selbst nicht wieder und kann nicht wieder das Madchen erkennen,
Das mich betort, um das verzweifelte Liebe zuletzt noch
Dreizehn Tag und Nachte mit Fausten mich schlug und wurgte
(Wahrhaft sei es dir alles bekannt)! Doch mitten im Jammer
War ich entlassen der Pein; mich stieb ein plotzlicher Mut an,
Hoffnung kam in mein Herz, ich weib nicht wieso, noch von wannen,
Denn nichts war mir bewubt, darnach ich irgend begehrte.
Nein, vielmehr, nur wie oft noch im Angesichte des Winters
Hell aus nacktem Gezweig ein Fruhlingsvogel die Stimme
Hebt und zumal im Busen die staunende Freude dir wecket,
Also war ich erfreut und gewib gluckbringender Zukunft.
Meinem Geschaft nach ging ich getrost, und gesellte mich bald auch
Zur Kameradschaft wieder, wie vordem. Einmal, am Sonntag,
Hieb mich der Fischer mit ihm die Kathe besuchen in ihrer
Stube; da plauderten wir, und er, wie er immer zu tun pflegt,
Nahm vom Schranke herunter das Buch mit alten Geschichten,
Las ein Stuck und das andere laut und plauderte wieder
Zwischenhinein. Indem so sah ich im Fenster ein braunes
Naglein stehen im Glas, und ich lobt es, weil es so schon roch.
Sagte die Kathe: ›Dir sei es geschenkt! ich hab es von einer,
Die verdriebet es nicht, weil du’s bist, Tone; die Schafrin
Gab mir’s gestern, sie hat sie von allen Farben im Garten.‹ –
Sagt’s, und redete noch, da kamst du just mit der Walburg
Langsam die Gasse herab im Gesprach und am Hause voruber.
Alle wir sahen dir nach mit wohlgefalligen Blicken.
Sieh, und im Hinschaun kam mir ein Wort des herzlichen Lobes
Und dein Name mir uber den Mund – so ruhrte dein Bild mich
In der Seele! so schon warst du! ja recht wie der Friede
Selber erschienest du mir! – Ich war wohl etwan ein wenig
Stille geworden; da blickten die Zwei sich mit heimlichem Lachen
An, doch taten sie nicht so fort, noch sagten sie etwas,
Und bald ging ich hinweg. Von Stund an aber, o Schafrin,
Kamst du mir nicht aus dem Sinn, und war mein erstes Gedenken
Fruh im Erwachen an dich, und mein letztes an dich, wenn ich einschlief,
Mud von sauerer Tagsarbeit. Schau, jegliche Nacht fast
Leert ich im Traum vor dir mit tausend Tranen mein Herz aus!
Aber am Tag, wie sollt ich zu dir mich finden? Ich sah dich
Kaum in der Kirche einmal und kaum auf der Strabe von weitem.
Und mein Ungluck machte mich blod, ich wollte dich meiden
Eher als dir nachgehn. Doch heut, da ich dort von der Strabe
Dich auf dem Hugel allein bei deinen Schafen erblickte,
Dacht ich: du willst nur hinauf, sie sehen und gruben, und mehr nicht!
Denn so sprach ich bei mir in zweifelnder Seele noch gestern:
›Hute dich wohl, ihr so bald und mit einem Mal zuverraten
Was dich im Innern bewegt! Nur seltsam gewib und unglaublich
Mubte so plotzlicher Wandel das ehrbare Madchen bedunken,
Ja sie scheute vielleicht und bliebe dir stutzig fur immer.‹
Unfreiwillig jedoch, und trotz dem beschworenen Vorsatz,
Margret, sagt ich dir alles heraus, ich konnte nicht anders.
Aber so denke von mir darum nicht schlimmer als vordem!
Kennst du mich doch, und weibt, wie alles gekommen von Anfang.
Sprich mir ein freundliches Wort! nur soviel, dab du nicht unhold
Von mir denkst! ich lasse dich dann und gehe zufrieden.”
Sprach es, der Schiffer, und hielt sich nicht mehr: an die Seite der Hirtin
Sank er danieder ins Moos; sie aber bedeckte mit ihren
Handen das schone Gesicht voll Glut und die stromenden Augen.
Himmlische Freude durchdrang, unfabbar, welche dem Schmerz gleicht,
Ihr wie betaubendes Glockengelaut den erschutterten Busen.
Staunend blickte der Jungling auf sie und ruhrete schuchtern
Ihr an die Achsel: “Was ist dir?” frug er, in steigender Ahnung,
Nahm ihr die Hande hinweg vom Gesicht, und es lachten die klaren
Augen ihn an, mit Tranen gefullt unsaglicher Liebe.
Aber der Jungling umschlang mit brunstigen Armen das Madchen
Fest, und sie kubten einander, und hingen ein Weilchen sich also
Schweigend am Hals und fuhlten die starkeren Schlage des Herzens,
Sahen aufs neue sich an und herzten einander und lachten
Hell vor unschuldiger Lust, und schienen sich selber ein Wunder.
Tausendfaltig sofort mit Worten bekraftigten beide
Sich, was wieder und wieder zu horen die Liebenden freuet.
Ruhig indessen am Abhang weideten nieder die Schafe,
Vom aufmerksamen Wachter bewacht; auch schaute die Hirtin,
Oft vorbeugend ihr Haupt, nach der Schar, ob keins sich verlaufe.
Hoch stand aber die Sonne, schon sechs Uhr schlug es im Dorfe,
Und es gemahnte die Zeit jetzt, ach, den Schiffer zum Abschied.
Zehnmal sagt’ er bereits Lebwohl, und immer von neuem
Hielt er die Hand, die bescheidene, fest und hub er von vorn an.
Endlich erhoben sie sich, und, gelehnt an das Madchen, der Jungling
Sah in die Gegend hinaus. Ach, wieviel anders erglanzten
Jetzo die Berge vor ihm! und der See und der herrliche Morgen!
Ihn durchzuckte sein Gluck, ein inneres Jauchzen versetzte
Jah in der Brust ihm den Odem, er seufzete tief und kubte
Margareten die Stirne noch einmal, ging dann und kehrte
Nach drei Schritten sich um, und sagte die bittenden Worte:
“Gib ein Zeichen mir mit auf den Weg, ein Blatt von der Eiche,
Oder was immer es sei von dir, zum trostlichen Zeugnis
Dieser Stunde, damit ich im stillen daran mich bestarke!”
Sprach’s und loste zugleich die silberne Schnalle von seinem
Hemde, die breit, herzformig, er vorn am Halse getragen;
Reichte sie ihr, und das willige Madchen, geschwinde besonnen,
Sah am Boden zunachst, am knorrigen Fube des Eichbaums
Liegen die Tasche, darin ihr Morgenbrot und ihr Betkranz
War, aus Bein, in Messing gefabt, ein teueres Erbstuck
Noch von der Ahne: den nahm sie heraus und druckte die Lippen
Innig darauf, gab dann in die Hand dem Liebsten das Kleinod,
Der es begierig empfing und sogleich am Herzen verwahrte,
Wie sie die silberne Schliebe verwahrt am warmenden Busen.
Jetzo, mit lang aushaltendem Kub erst trennte das Paar sich.
So denn hatte sein besseres Gluck dem redlichen Jungen
Alle die Schmerzen zumal der vergangenen Tage vergutet.
Eh noch am Traualtar dem gekuppelten Mann sich die Falsche
Unwiderruflich verband, o Jungling, umfingst du mit Freuden
Jene, die langst, in der Wiege, dir schon zudachte dein Schicksal.


Idylle vom Bodensee 5. Gesang - EDUARD MOERIKE