I - CHRISTOPH MARTIN WIELAND

Die folgenden Verse sind aus einer Art von Eingang ubrig geblieben, der zu einer im Grunde sehr unnothigen, aber damahls vielleicht nicht ganz unzeitigen Schutzrede fur die Gattung von Gedichten unter welche diese Psyche gehoren sollte, bestimmt war.

* * *

Man weib, dab Pilpai, Trismegist,
Und Plato selbst sich oft herab gelassen,
Was von der Geisterwelt zu wagen rathlich ist,
In eine Art von Mahrchen zu verfassen,
Wobey, wie blau sie auch dem ersten Anblick sind,
Der beste Kopf zum Denken Stoff gewinnt.
Man pflegt’ in jenen Kindheitstagen
Der Welt die Weisheit stets in Bildern vorzutragen;
Und kluglich, wie uns daucht; denn ungebrochnes Licht
Taugt ganz gewib fur blode Augen nicht.
Die Wahrheit labt sich nur Adepten
Gewandlos sehn, und manches schwache Haupt,
Das ungestraft sie anzugaffen glaubt,
Erfahrt das Loos der alten Nymfolepten,
Und labt fur einen Augenblick
Zweydeut’ger Lust sein Bibchen Witz zuruck.
Ein Schleier, wie der Morgenlander
Um seine Dame zieht, nicht eben siebenfach,
Doch auch so glasern und wie Koische Gewander,
Verhutet sehr bequem dergleichen Ungemach.
Liebhaber die Geschmack mit Witz verbinden,
Gewinnen noch dabey. Sie finden
In einem Putz, der weder schwimmt noch prebt,
Viel Schones sehn doch mehr errathen labt,
Die Wahrheit, just wie andre Schonen,
Nur desto reitzender. Gemeinern Erdensohnen
Gefallt doch wenigstens die feiner Stickerey,
Der reiche Stoff, der Farben Spiel und Leben;
Sie wurden um den Putz die Dame selber geben;
Und was verloren sie dabey?

I
 »