Українська та зарубіжна поезія

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Die Wachsamkeit

Nicht, dab ich’s schon ergriffen hatte;
Die beste Tugend bleibt noch schwach;
Doch, dab ich meine Seele rette,
Jag ich dem Kleinod eifrig nach.
Denn Tugend ohne Wachsamkeit
Verliert sich bald in Sicherheit.

So lang ich hier im Leibe walle,
Bin ich ein Kind, das strauchelnd geht.
Der sehe zu, dab er nicht falle,
Der, wenn sein Nachster fallt, noch steht.
Auch die bekampfte bose Lust
Stirbt niemals ganz in unsrer Brust.

Nicht jede Besserung ist Tugend;
Oft ist sie nur das Werk der Zeit.
Die wilde Hitze roher Jugend
Wird mit den Jahren Sittsamkeit:
Und was Natur und Zeit getan,
Sieht unser Stolz fur Tugend an.

Oft ist die Ändrung deiner Seelen
Ein Tausch der Triebe der Natur.
Du fuhlst, wie Stolz und Ruhmsucht qualen,
Und dampfst sie; doch du wechselst nur;
Dein Herz fuhlt einen andern Reiz,
Dein Stolz wird Wollust, oder Geiz.

Oft ist es Kunst und Eigenliebe,
Was andern strenge Tugend scheint.
Der Trieb des Neids, der Schmahsucht Triebe
Erweckten dir so manchen Feind;
Du wirst behutsam, schrankst dich ein,
Fliehst nicht die Schmahsucht, nur den Schein.

Du denkst, weil Dinge dich nicht ruhren,
Durch die der andern Tugend fallt:
So werde nichts dein Herz verfuhren;
Doch jedes Herz hat seine Welt.
Den, welchen Stand und Gold nicht ruhrt,
Hat oft ein Blick, ein Wort verfuhrt.

Oft schlaft der Trieb in deinem Herzen.
Du scheinst von Rachsucht dir befreit;
Itzt sollst du eine Schmach verschmerzen,
Und sieh, dein Herz wallt auf und draut,
Und schilt so lieblos und so hart,
Als es zuerst gescholten ward.

Oft denkt, wenn wir der Stille pflegen,
Das Herz im stillen tugendhaft.
Kaum lachet uns die Welt entgegen:
So regt sich unsre Leidenschaft.
Wir werden im Gerausche schwach,
Und geben endlich strafbar nach.

Du opferst Gott die leichtern Triebe
Durch einen strengen Lebenslauf;
Doch opferst du, will’s seine Liebe,
Ihm auch die liebste Neigung auf?
Dies ist das Auge, dies der Fub,
Die sich der Christ entreiben mub.

Du fliehst, geneigt zu Ruh und Stille,
Die Welt, und liebst die Einsamkeit;
Doch bist du, fordert’s Gottes Wille,
Auch dieser zu entfliehn bereit?
Dein Herz habt Habsucht, Neid und Zank;
Flieht’s Unmut auch und Mubiggang?

Du bist gerecht; denn auch bescheiden?
Liebst Mabigkeit; denn auch Geduld?
Du dienest gern, wenn andre leiden;
Vergibst du Feinden auch die Schuld?
Von allen Lastern sollst du rein,
Zu aller Tugend willig sein.

Sei nicht vermessen! Wach und streite;
Denk nicht, dab du schon gnug getan.
Dein Herz hat seine schwache Seite,
Die greift der Feind der Wohlfahrt an.
Die Sicherheit droht dir den Fall;
Drum wache stets, wach uberall!


Die Wachsamkeit - CHRISTIAN FURCHTEGOTT GELLERT