Українська та зарубіжна поезія

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Abdallah

(Tausend und eine Nacht.)

Abdallah liegt behaglich am Quell der Wuste und ruht,
Es weiden um ihn die Kamele, die achtzig, sein ganzes Gut;
Er hat mit Kaufmannswaren Balsora glucklich erreicht,
Bagdad zuruck zu gewinnen, wird ledig die Reise ihm leicht.

Da kommt zur selben Quelle, zu Fub am Wanderstab,
Ein Derwisch ihm entgegen den Weg von Bagdad herab,
Sie gruben einander, sie setzen beisammen sich zum Mahl,
Und loben den Trunk der Quelle, und loben Allah zumal.

Sie haben um ihre Reise teilnehmend einander befragt,
Was jeder verlangt zu wissen, willfahrig einander gesagt,
Sie haben einander erzahlet von dem und jenem Ort,
Da spricht zuletzt der Derwisch ein gar bedachtig Wort:

Ich weib in dieser Gegend, und kenne wohl den Platz,
Und konnte dahin dich fuhren, den unermeblichsten Schatz.
Man mochte daraus belasten mit Gold und Edelgestein
Wohl achtzig, wohl tausend Kamele, es wurde zu merken nicht sein.

Abdallah lauscht betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,
Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfullet ihn ganz:
Mein Bruder, hor’, mein Bruder, o fuhre dahin mich gleich!
Dir kann der Schatz nicht nutzen, du machst mich glucklich und reich.

Lab dort mit Gold uns beladen die achtzig Kamele mein,
Nur achtzig Kameleslasten, es wird zu merken nicht sein.
Und dir, mein Bruder, verheib ich, zu deines Dienstes Sold,
Das beste von allen, das starkste, mit seiner Last von Gold.

Darauf der Derwisch: Mein Bruder, ich hab’ es anders gemeint,
Dir vierzig Kamele, mir vierzig, das ist, was billig mir scheint.
Den Wert der vierzig Thiere empfangst du millionenfach,
Und hatt’ ich geschwiegen, mein Bruder, o denke, mein Bruder, doch nach.

Wohlan, wohlan, mein Bruder, lab gleich uns ziehen dahin,
Wir teilen gleich die Kamele, wir teilen gleich den Gewinn.
Er sprach’s, doch thaten ihm heimlich die vierzig Lasten leid,
Dem Geiz in seinem Herzen gesellte sich der Neid.

Und so erhoben die Beiden vom Lager sich ohne Verzug,
Abdallah treibt die Kamele, der Derwisch leitet den Zug.
Sie kommen zu den Hugeln; dort offnet, eng und schmal,
Sich eine Schlucht zum Eingang in ein geraumig Thal.

Schroff, uberhangend umschliebet die Felswand rings den Raum,
Noch drang in diese Wildnis des Menschen Fub wohl kaum.
Sie halten; bei den Tieren Abdallah sich verweilt,
Der sie, der Last gewartig, in zwei Gefolge verteilt.

Indessen hauft der Derwisch am Fub der Felsenwand
Verdorrtes Gras und Reisig und steckt den Haufen in Brand;
Er wirft, so wie die Flamme sich prasselnd erhebt, hinein
Mit seltsamem Thun und Reden viel kraftige Spezerei’n.

In Wirbeln wallt der Rauch auf, verfinsternd schier den Tag,
Die Erde bebt, es drohnet ein starker Donnerschlag,
Die Finsternis entweichet, der Tag bricht neu hervor,
Es zeigt sich in dem Felsen ein weit geoffnet Thor.

Es fuhrt in prachtige Hallen, wie nimmer ein Aug’ sie geschaut,
Aus Edelgestein und Metallen von Geistern der Tiefen erbaut,
Es tragen gold’ne Pilaster ein hohes Gewolb’ von Kristall,
Hellfunkelnde Karfunkeln verbreiten Licht uberall.

Es lieget zwischen den gold’nen Pilastern, unerhort,
Das Gold hoch aufgespeichert, deb Glanz den Menschen bethort.
Es wechseln mit den Haufen des Goldes, die Hallen entlang,
Demanten, Smaragden, Rubinen, dazwischen nur schmal der Gang.

Abdallah schaut’s betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,
Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfullet ihn ganz.
Sie schreiten zum Werke; der Derwisch hat klug sich Demanten erwahlt.
Abdallah wuhlet im Golde, im Golde, das nur ihn beseelt.

Doch bald begreift er den Irrtum und wechselt die Last und tauscht
Fur Edelgestein und Demanten das Gold, deb Glanz ihn berauscht,
Und was er fort zu tragen die Kraft hat, minder ihn freut,
Als, was er liegen mub lassen, ihn heimlich wurmt und reut.

Geladen sind die Kamele, schier uber ihre Kraft,
Abdallah sieht mit Staunen, was ferner der Derwisch schafft.
Der geht den Gang zu Ende und offnet eine Truh’,
Und nimmt daraus ein Buchschen und schlagt den Deckel zu.

Es ist von schlichtem Holze und, was darin verwahrt,
Gleich wertlos, scheint nur Salbe, womit man salbt den Bart;
Er hat es prufend betrachtet, das war das rechte Geschmeid,
Er steckt es wohlgefallig in sein gefaltet Kleid.

Drauf schreiten hinaus die Beiden, und drauben auf dem Plan
Vollbringt der Derwisch die Brauche, wie er’s beim Eintritt gethan;
Der Schatz verschliebt sich donnernd, ein jeder ubernimmt
Die Halfte der Kamele, die ihm das Los bestimmt.

Sie brechen auf und wallen zum Quell der Wuste vereint,
Wo sich die Straben trennen, die jeder zu nehmen meint;
Dort scheiden sie und geben einander den Bruderkub;
Abdallah erzeigt sich erkenntlich mit tonender Worte Ergub.

Doch, wie er abwarts treibet, schwillt Neid in seiner Brust,
Des andern vierzig Lasten, sie dunken ihn eig’ner Verlust;
Ein Derwisch, solche Schatze, die eig’nen Kamele, – das krankt,
Und was bedarf der Schatze, wer nur an Allah denkt?

Mein Bruder, hor’, mein Bruder! – so folgt er seiner Spur –
Nicht um den eig’nen Vorteil, ich denk’ an deinen nur,
Du weibt nicht, welche Sorgen, und weibt nicht, welche Last
Du, Guter, an vierzig Kamelen dir aufgeburdet hast.

Noch kennst du nicht die Tucke, die in den Tieren wohnt,
O glaub’ es mir, der Muhen von Jugend auf gewohnt,
Versuch’ ich’s wohl mit achtzig, dir wird’s mit vierzig zu schwer,
Du fuhrst vielleicht noch dreibig, doch vierzig nimmermehr.

Darauf der Derwisch: Ich glaube, dab recht du haben magst,
Schon dacht’ ich bei mir selber, was du, mein Bruder, mir sagst.
Nimm, wie dein Herz begehret, von diesen Kamelen noch zehn,
Du sollst von deinem Bruder nicht unbefriedigt geh’n.

Abdallah dankt und scheidet und denkt in seiner Gier:
Und wenn ich zwanzig begehrte, der Thor, er gabe sie mir.
Er kehrt zuruck im Laufe, es mub versuchet sein,
Er ruft, ihn hort der Derwisch und harret gelassen sein.

Mein Bruder, hor’, mein Bruder, o traue meinem Wort,
Du kommst, unkundig der Wartung, mit dreibig Kamelen nicht fort,
Die widerspenstigen Tiere sind storriger, denn du denkst,
Du machst es dir bequemer, wenn du mir zehn noch schenkst.

Darauf der Derwisch: Ich glaube, dab recht du haben magst,
Schon dacht’ ich bei mir selber, was du, mein Bruder, mir sagst.
Nimm, wie dein Herz begehret, von diesen Kamelen noch zehn,
Du sollst von deinem Bruder nicht unbefriedigt geh’n.

Und wie so leicht gewahret, was kaum er sich gedacht,
Da ist in seinem Herzen erst recht die Gier erwacht;
Er hort nicht auf, er fordert, wohl ohne sich zu scheu’n,
Noch zehen von den Zwanzig und von den Zehen neun.

Das eine nur, das letzte, dem Derwisch ubrig bleibt,
Noch dies ihm abzufordern des Herzens Gier ihn treibt;
Er wirft sich ihm zu Fuben, umfasset seine Knie:
Du wirst nicht Nein mir sagen, noch sagtest du Nein mir nie.

So nimm das Tier, mein Bruder, wonach dein Herz begehrt,
Es ist, dab trauernd du scheidest von deinem Bruder, nicht wert.
Sei fromm und weis’ im Reichtum, und beuge vor Allah dein Haupt,
Der, wie er Schatze spendet, auch Schatze wieder raubt.

Abdallah dankt und scheidet und denkt in seinem Sinn:
Wie mochte der Thor verscherzen so leicht den reichen Gewinn?
Da fallt ihm ein das Buchschen: das ist das rechte Geschmeid,
Wie barg er’s wohlgefallig in sein gefaltet Kleid!

Er kehrt zuruck: Mein Bruder, mein Bruder! auf ein Wort,
Was nimmst du doch das Buchschen, das schlechte, mit dir noch fort?
Was soll dem frommen Derwisch der weltlich eitle Tand? –
So nimm es, spricht der Derwisch, und legt es in seine Hand.

Ein freudiges Erschrecken den Zitternden befallt,
Wie er auch noch das Buchschen, das ratselhafte, halt;
Er spricht kaum dankend weiter: So lehre mich nun auch,
Was hat denn diese Salbe fur einen besondern Gebrauch?

Der Derwisch: Grob ist Allah, die Salbe wunderbar.
Bestreichst du dein linkes Auge damit, durchschauest du klar
Die Schatze, die schlummernden alle, die unter der Erde sind;
Bestreichst du dein rechtes Auge, so wirst du auf beiden blind.

Und selber zu versuchen die Tugend, die er kennt,
Der wunderbaren Salbe, Abdallah nun entbrennt:
Mein Bruder, hor’, mein Bruder, du machst es besser traun!
Bestreiche mein Auge, das linke, und lab die Schatze mich schau’n.

Willfahrig thut’s der Derwisch, da schaut er unterwarts
Das Gold in Kammern und Adern, das gleibende, schimmernde Erz;
Demanten, Smaragden, Rubinen, Metall und Edelgestein,
Sie schlummern unten und leuchten mit seltsam lockendem Schein.

Er schaut’s und starrt betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,
Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfullet ihn ganz.
Er denkt: wurd’ auch bestrichen mein rechtes Auge zugleich,
Vielleicht besab’ ich die Schatze und wurd’ unermeblich reich.

Mein Bruder, hor’, mein Bruder, zum letztenmal mich an,
Bestreiche mein rechtes Auge, wie du das linke gethan;
Noch diese meine Bitte, die letzte, gewahre du mir,
Dann scheiden unsere Wege und Allah sei mit dir.

Darauf der Derwisch: mein Bruder, nur Wahrheit sprach mein Mund,
Ich machte dir die Krafte von deiner Salbe kund.
Ich will, nach allem Guten, das ich dir schon erwies,
Die strafende Hand nicht werden, die dich ins Elend stieb.

Nun halt er fest am Glauben und brennt vor Ungeduld,
Den Neid, die Schuld des Herzens, giebt er dem Derwisch schuld;
Dab dieser sich so weigert, das ist fur ihn der Sporn,
Der Gier in seinem Herzen gesellet sich der Zorn.

Er spricht mit hohnischem Lachen: du haltst mich fur ein Kind;
Was sehend auf einem Auge, macht nicht auf dem andern mich blind.
Bestreiche mein rechtes Auge, wie du das linke gethan,
Und wisse, dab, falls du mich reizest, Gewalt ich brauchen kann.

Und wie er noch der Drohung die That hinzugefugt,
Da hat der Derwisch endlich stillschweigend ihm genugt:
Er nimmt zur Hand die Salbe, sein rechtes Aug’ er bestreicht –
Die Nacht ist angebrochen, die keinem Morgen weicht.

O Derwisch, arger Derwisch, du doch die Wahrheit sprachst,
Nun heile, kenntnisreicher, was selber du verbrachst. –
Ich habe nichts verbrochen, dir ward, was du gewollt,
Du stehst in Allah’s Handen, der alle Schulden zollt.

Er fleht und schreit vergebens und walzet sich im Staub,
Der Derwisch abgewendet bleibt seinen Klagen taub;
Der sammelt die achtzig Kamele und gen Balsora treibt,
Derweil Abdallah verzweifelnd am Quell der Wuste verbleibt.

Die nicht er schaut, die Sonne vollbringet ihren Lauf,
Sie ging am andern Morgen, am dritten wieder auf,
Noch lag er da verschmachtend; ein Kaufmann endlich kam,
Der nach Bagdad aus Mitleid den blinden Bettler nahm.


Abdallah - ADELBERT VON CHAMISSO