Die Felsenplatte - NIKOLAUS LENAU

Dort am steilen Klippenhange,
Wo der Wildbach niederschaumt,
Lehnt beim Sonnenuntergange
Einsam still ein Mann – und traumt.

Hingesenkt das gramesmatte
Angesicht, so fruh verbluht,
Starrt er auf die Felsenplatte,
Die vom Abendrote gluht.

Wie er also unabwendig
Starret auf den hellen Stein,
Werden plotzlich drauf lebendig
Seine lieben Phantasein.

Seiner Kindheit Spielgenossen
Tanzen lustig druber hin
Mit der Unschuld suben Possen,
Laden ein zu Spielen ihn.

Auch sein Mutterlein, die gute,
Wandelt lachelnd auf dem Stein,
Die so manches Jahr schon ruhte
In dem oden Totenschrein.

Und nun sieht er unter ihnen
Klar sein eignes Jugendbild,
Mit den frohen Fremdlingsmienen
Auf der Erde Schmerzgefild.

Und er hort das laute Klopfen
In des Junglings heiber Brust,
Sieht vom Aug ihm niedertropfen
Tranen, selig, unbewust;

Mochte mit dem Jungling greinen,
Dab er traut der holden Mar;
Und auch wieder bitter weinen,
Dab er nicht der Jungling mehr. –

Im Gebirge wird es dunkel,
Im Gebirge wird es Nacht,
Doch des Steines hell Gefunkel
Hat sich heller angefacht.

Aus dem Felsengrunde sprieben
Blumen auf mit subem Hauch,
Und, die Stelle einzuschlieben,
Sauselt rings ein Blutenstrauch;

Aus dem schwanken Blutengitter
Strahlt ein Madchenangesicht,
Wie der Mond aus dem Geflitter
Leiser Silberwellen bricht.

Mit jungfraulichem Erroten
Flustert sie: “Bin ewig dein!”
Und von allen Zweigen floten
Nachtigelenlieder drein. –

Doch die Blumen jetzt verblassen,
Traurig schweigt der durre Strauch,
Und der Jungling steht verlassen,
Und der Jungling velket auch. – –

Donner hallen in den Luften,
Und im hellen Wetterstrahl,
Zu den Fuben des Vertieften,
Zuckt der Stein jetzt bleich und kahl.

Die Felsenplatte