Auf den Geburts – und Namenstag Seiner Aeltern - JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED

Aeltern, die der Himmel mir
Aus besondrer Gunst verliehen,
Labt mich itzt aus Dankbegier
Seyten auf die Laute ziehen.
Labt mich in den fernen Auen,
Wo die kleine Pleibe rauscht,
Auf die fetten Fluren schauen,
Die ich zwar vorlangst vertauscht;
Aber gleichwohl unterdessen
Noch zur Zeit nicht ganz vergessen.

Nein, geliebtes Vaterland!
Die sind noch bey dir am Leben,
Die mir, nachst des Himmels Hand,
Athem, Geist und Leib gegeben;
Die mich aus den dunkeln Schatzen
Der Natur ans Licht gebracht,
Und, mit innigstem Ergetzen,
Nach und nach geschickt gemacht,
Das, was wir die Weisheit nennen,
Gott, die Welt, und mich zu kennen.

Theurer Vater! dessen Huld
Mich von Jugend auf belebet,
Dab die Grobe meiner Schuld
Mir noch stets vor Augen schwebet;
Dein erhohtes Alter dringet
Durch das grobe Stuffenjahr,
Und dein graues Haupt bezwinget
Frisch und munter die Gefahr,
Die Gefahr, die mancher scheuet,
Weil sie Sarg und Baare drauet.

Liebste Mutter, deren Hand
Ich schon lange nicht gekusset,
Nimm dieb treue Demuthpfand,
Womit dich dein Sohn begrubet.
Da dein Namensfest erschienen,
Das mich schon so oft erfreut:
So verehr ich auch Reginen,
Der ich dieses Lied geweiht;
Um die treuen Kindespflichten
Dir mit Freuden zu entrichten.

Beydes fallt auf einmal ein,
Und verdoppelt mir die Freude;
Sonst besang ich eins allein,
Jetzt verehr ich alle Beide.
Beyde hat das hochste Wesen,
Dessen Wink die Welt regiert,
Mir zu Aeltern auserlesen:
Beyde hat er so gefuhrt,
Dab sich Zeit und Ort gefunden,
Da der Ehstand sie verbunden.

Lehrt mich beyder zarten Sinn,
Musen! lehrt mich Gottscheds Liebe,
Gottscheds, und der Biemanninn,
Als ein Muster reiner Triebe.
Denn ich weis, ihr konnt es wissen,
Weil ihr selbst sein Rohr benetzt,
Wenn er sonst ans Pindus Flussen
Oft ein deutsches Lied gesetzt,
Ja ihr wibt von seinen Tonen,
Auf den Jahrstag seiner Schonen.

Ihre Tugend, ihr Verstand,
Ihrer Jugend frische Bluthe,
War das anmuthreiche Band
Fur sein redliches Gemuthe.
Sein gelehrt und frommes Wesen
War, was ihrer Brust gefiel:
Ja dieb Paar war auserlesen,
Wie der keuschen Triebe Ziel;
So nach beyder Wunsch und Hoffen
Durch die Hochzeit eingetroffen.

Sey gegrubt, beliebter Wald!
Gruner Berg, an dessen Grunde
Dieses Paar den Aufenthalt,
Ja sein andres Eden funde.
Sey gegrubt, o mein Juditten!
Wo ich einst das Licht erblickt.
Wo in frommen Schaferhutten
Mich der Mutter Brust erquickt;
Wo ihr muhsames Erziehen
Mir zu lauter Heil gediehen.

Mir zum Heil, und dir zur Lust,
Werthe! die du meinetwegen
Oft von keiner Ruh gewubt,
Nachte sonder Schlaf gelegen.
Deine Sorgfalt und dein Wachen
Stund der schwachen Kindheit bey,
Machte mich wohl gar vom Rachen
Des besorgten Todes frey;
Wenn die Seufzer deiner Zungen
Mich dem Himmel abgedrungen.

Und wie ruhm ich deinen Fleib,
Theurer Vater! dein Bestreben,
Mir von allem, was ich weis,
Selbst den ersten Grund zu geben?
Wie der Deutsche, Griech, Lateiner
Und Hebraer schreibt und spricht,
Dieses wies mir sonsten keiner,
Als dein treuster Unterricht;
Den ich, falls ich wechseln sollte,
Gegen nichts vertauschen wollte.

Selbst der Redner edle Kunst
Hast du mir zuerst gewiesen,
Und der Musen sube Gunst
Durch dein Beyspiel angepriesen.
Und so wuchsen mir die Flugel
Unter deiner Vaterzucht,
Bis ich selbst den Konigshugel,
Albertinens Sitz, besucht,
Wo, nebst Odoacers Mauren,
Markgraf Albrechts Kunste dauren.

Hier empfand ich erst die Kraft
Deiner vaterlichen Lehren;
Hier konnt ich die Wissenschaft
In erwunschter Freyheit horen.
Und was war es dir fur Freude,
Wenn dein Sohn die Proben wies,
Und im langen Priesterkleide
Sich mit Beyfall horen lieb;
Ja mit herzlicherm Vergnugen
Die Kathedern oft bestiegen.

Pallas schmuckte kaum das Haar
Durch den blauen Hut der Weisen;
Als die deutlichste Gefahr
Mir befahl, davon zu reisen.
Damals gab ich deinen Gassen,
Konigsberg! die gute Nacht:
Doch ich kann dich noch nicht hassen,
Nein! ich habe stets gedacht,
Dab, wenn ich kein Leipzig wubte,
Ich dich noch betrauren mubte.

Hier gedenk ich an den Gram,
Liebsten Aeltern! an die Zahren;
Die mir, als ich Abschied nahm,
Fast den Aufbruch wollten wehren.
Doch der wohlgemeynte Segen
Folgte mir auf jedem Schritt,
Gieng, auf unbekannten Wegen,
Bis ins edle Meiben mit;
Wo ich nun, seit sieben Jahren,
Taglich seine Kraft erfahren.

O wie frohlich und vergnugt
War die Zeit vor zweyen Jahren,
Als es sich so schon gefugt,
Dab wir an der Weichsel waren!
Danzig sah in seinen Wallen
Sohn und Aeltern ganz entzuckt,
Die einander, ohn Verstellen,
Oft an Mund und Brust gedruckt;
Endlich aber ganz zufrieden
Sich getrennet und geschieden.

Lebt denn glucklich, theure Zwey!
Werdet alt bey guten Tagen,
Machet euch von Sorgen frey,
Labt euch keinen Kummer nagen.
Euren Sohnen wirds nicht fehlen,
Wenn sie nur in allem Thun
Euch zum Tugendmuster wahlen,
Und in Gottes Fugung ruhn;
Der, wie man an euch gespuret,
Stets die Seinen wohl gefuhret.

Ja! des Vaters Redlichkeit,
Sammt der Mutter Menschenliebe,
Gaben mir, seit langer Zeit,
Ein Exempel edler Triebe.
Mubt ihr aber endlich sterben,
Werthe, folgt ihr der Natur;
O so labt mich eins nur erben,
Labt mir eure Tugend nur!
Lab ich diese bey mir wohnen,
Hab ich mehr, als Millionen.

Auf den Geburts – und Namenstag Seiner Aeltern